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Mennonitische Identität und Ökumene

In der gegenwärtigen ökumenischen Debatte stelle ich zwei Grundtendenzen fest, die sich zunächst zu widersprechen scheinen: zum einen erleben wir ein Wachsen der ökumenischen Gemeinschaft der Kirchen, die wir als deutsche Mennoniten teilen und mitgestalten, zum anderen stellen wir die Frage nach der eigenen, täuferisch-mennonitischen Identität in der Gegenwart. Diese Beobachtung gilt in gleicher Weise für andere Konfessionen.

Viele Gemeindeglieder, die weit verstreut in der Diaspora leben, suchen Kontakte zu anderen Konfessionen vor Ort, oft ohne ihr Mennonitsein aufzugeben. Andererseits wird eine Mennonitengemeinde zur neuen geistigen Heimat für Menschen, die der eigenen Tradition entfremdet sind. Oft scheint es im alltäglichen Leben, als sei das friedliche Miteinander der Traditionen zur Selbstverständlichkeit geworden. Nicht zuletzt trägt hierzu die wachsende Zahl konfessionsverbindender Familien bei, in denen nicht das Festhalten der eigenen Konfession im Vordergrund steht, sondern die Suche nach Menschen in einer Gemeinde, mit denen man sich verbunden fühlt.

Gleichzeitig sind in unseren Gemeinden aber auch Ängste und Sorgen zu spüren, die sich zuweilen in einer gewissen Skepsis gegenüber allem „Ökumenischen“ äußern. Meist werden dann Warnungen vor Vereinnahmung und vor dem Verlust der eigenen Identität laut.

Die unterschiedlichen Auffassungen führen in der Folge dazu, daß die Bereitschaft zum aktiven Engagement in der institutionalisierten Ökumene verschieden ist. Während die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland (AMG) Mitglied in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen und der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (AcK) in Deutschland ist, konnte sie sich bisher nicht zur Mitgliedschaft im Weltrat der Kirchen (ÖRK) entschließen, obwohl gleichzeitig die Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden (als Teil der AMG) zu den Gründungsmitgliedern des ÖRK gehört und für die diese Mitgliedschaft ein Ausdruck ihrer Identität wurde.

Das Mennonitische Missions- und Friedenskomitee pflegt ökumenische Kontakte. Die Mennonitischen Hilfswerke schätzen Partner wie „Brot für die Welt“. Für „Christliche Dienste“ spielt bei der Auswahl von Freiwilligen für Einsätze in vielen Teilen der Erde die Konfession nicht die ausschlaggebende Rolle.

Die Suche nach Gleichgesinnten in der Nachfolge in einer säkularisierten Welt und das Bewußtsein des einen Bekenntnisses der Christen und Christinnen prägt das Bild der Gemeinden in zunehmendem Maße. Nicht wenige mennonitische PastorInnen haben an einer Evangelischen Theologischen Fakultät studiert und haben dort zur Vertiefung der gegenseitigen Wahrnehmung beigetragen. Die ehemals „weltweite Bruderschaft“ der mennonitischen Gemeinschaft lebt heute als Teil der weltweiten christlichen Geschwisterschaft, auch wenn sich das nicht überall in aktiver Teilnahme am ökumenischen Geschehen äußert.

Von dieser Geschwisterschaft werden wir herausgefordert, unsere theologischen Überzeugungen mitzuteilen und uns von anderen Traditionen bereichern zu lassen. Als eine der historischen Friedenskirchen sind wir aufgefordert, unsere Erfahrungen zur gewaltlosen Versöhnung in der Welt beizutragen (z. B. in der ökumenischen „Dekade zur Überwindung von Gewalt. 2001-2010“ des ÖRK). Wir werden als die gesehen, die vom Staat unabhängig sein wollen (es geht auch ohne Kirchensteuer), die Freiwilligkeit zum Prinzip der Gemeindezugehörigkeit erheben (Erwachsenentaufe). Wir können unsere Erfahrungen als kleine, verbindliche Gemeinden (Basisgruppen) einbringen, die sich als Lebensräume verstehen, in denen gegenseitige Stärkung und Unterstützung im Vordergrund stehen. Gemeinsames Bibelstudium und Diskutieren unterschiedlicher Meinungen sind wichtiger als ein Lehramt. Die Erfahrungen einzelner sind bedeutender als konfessionelle Dogmen. So haben wir als Glied dieses einen Leibes in unserer Tradition Charakteristika bewahrt, die bei anderen im Laufe der Kirchengeschichte verloren gingen. Andererseits werden wir durch die Begegnung in der Ökumene an Inhalte und Aufgaben erinnert, die zum Kirchesein dazugehören.

Die eingangs erwähnten zwei Grundtendenzen des Strebens nach ökumenischer Gemeinschaft und der Bewusstmachung mennonitischer Identität widersprechen sich nicht. Vielmehr zeigt sich, daß gerade im ökumenischen Austausch der Wert der eigenen Tradition bewußt wird.

Verfasser: Dr. Fernando Enns