Nach dem offenen Brief zur neuen EKD-Friedensdenkschrift kam es am 1. Juni 2026 in Hamburg zu einem ersten Dialog zwischen Vertretern von AMG, DMFK, MFB und der EKD.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat im November 2025 eine neue Friedensdenkschrift veröffentlicht mit dem Titel „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“. Die AMG (Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland) hat mit Unterstützung durch MFB (Mennonitisches Friedenszentrum Berlin) und DMFK (Deutsches Mennonitisches Friedenskomitee) im Februar 2026 einen offenen Brief an die EKD geschrieben. Dieser zeigte Schmerzpunkte der Auseinanderentwicklung in Friedensfragen auf und fragte, ob ein weiterer Dialog im Geist des lutherisch-mennonitischen Versöhnungsprozesses und der weiteren ökumenischen Beziehungen gewünscht wäre. Postwendend bot sich der Vizepräsident des Kirchenamts der EKD Dr. Stephan Schaede als Dialogpartner für diesen „wichtigen Austausch“ an. Er sei interessiert an der vielfältigen Erfahrung der weltweiten mennonitischen Gemeinschaft, die theologisch und praktisch danach strebt, Friedenskirche zu sein.
Ein Vorbereitungskreis aus Vorstandsmitgliedern der AMG (Doris Hege, Fernando Enns, Joel Driedger, Niklas Mekelburger sowie Benni Isaak-Krauß für DMFK und Anthea Bethge für MFB) hat in mehreren Zoom-Meetings über mögliche Ziele, Themen und Vorgehensweisen des Dialogs beraten. Es wurde auch darüber entschieden, Herrn Schaede zunächst ein Gespräch im kleinen Kreis anzubieten. Die unterzeichnenden Organisationen des offenen Briefs stellten jeweils eine Person. Als Termin wurde der 1. Juni gefunden, an dem Fernando Enns für AMG, Benjamin Isaak-Krauß für DMFK und Anthea Bethge für MFB zur Verfügung standen. Als Treffpunkt wurde in die Bibliothek der Hamburger Mennonitengemeinde eingeladen.
Der Dialog am 1.6.2026
Maren Schamp-Wiebe hat als Vorsitzende des Kirchenrats der Mennonitengemeinde Hamburg Stephan Schaede
herzlich willkommen geheißen. Sie konnte biografische Berührungspunkte mit Herrn Schaede herstellen. Maren hat unser Gespräch unter Gottes Wort gestellt und am Ende einen Segen aus dem mennonitischen Gesangbuch eingebracht, den wir einander reihum zugesprochen haben.
Herr Schaede hat uns beschrieben, mit welcher Absicht die EKD-Friedensdenkschrift geschrieben wurde. Sie will die Fragen und Sorgen der Menschen, die aus Deutschland auf den Krieg gegen die Ukraine schauen, ansprechen und Orientierung bieten. Dabei hat er selbst durch seine russische Frau mit ukrainischen Wurzeln weitere persönliche Perspektiven. Besonders kritisch ist Herr Schaede gegenüber der Benutzung von nationalen Symbolen, in diesem Fall der ukrainischen Fahne. Er hat interveniert, als sie als Solidaritätsbekundung auf kirchlichem Briefpapier benutzt werden sollte.
Der Rat der EKD hat Lob und Kritik an der Denkschrift wahrgenommen und sich mit der Kritik, gerade aus den eigenen Reihen, beschäftigt. Er hat beraten, wie darauf einzugehen sei. Ein Zurückziehen der Denkschrift oder eine Ergänzung des Dokuments wurden verworfen – auch wenn manche meinen, dass insbesondere die Absätze über die atomare Bewaffnung besser so nicht veröffentlicht worden wären. Doch die Leerstelle ziviler Konfliktbearbeitung als Alternative zum militärischen Handeln will der Rat der EKD füllen. Es soll zeitnah ein neues Dokument geben, das gewaltfreies Handeln in den Fokus stellt. Wir wurden zur Mitwirkung eingeladen – sei es schreibend, sei es begleitend. Dies also das erste greifbare Ergebnis des Dialogs.
Fernando hat eingebracht, wie die Denkschrift aus mennonitischer Sicht und aus der Perspektive des Weltkirchenrates (ÖRK) gelesen wird. Insbesondere hat er aufgezeigt, wo sie ökumenische Konsense verlässt, etwa beim Leitbild des Gerechten Friedens. Er hat auf theologische Unstimmigkeiten in der Betonung der „unerlösten Welt“ als Begründung zur eigenen Gewaltanwendung hingewiesen sowie die Frage nach dem Selbstverständnis der Kirche gegenüber staatlichen Organen gestellt. Herr Schaede hat die mennonitische Perspektive offen wahrgenommen und zweierlei betont: Er hat die Denkschrift bisher nicht aus dieser Perspektive gelesen und er war etwas erschrocken darüber, wie sie sich dann liest. Dabei betonte er, wie wichtig für ihn dieser Dialog sei. Er wünschte sich eine Fortführung und Vertiefung möglichst noch im laufenden Jahr. Das also das zweite Ergebnis dieses Gesprächs.
Benni hat das Thema Kriegsdienstverweigerung als Beispiel für wachsenden Abstand zwischen EKD und AMG eingebracht. Die Denkschrift bleibt neutral zu Wehrdienst oder Kriegsdienstverweigerung, genau wie das Grundgesetz. Unsere Geschwister aus dem ehemaligen Bund evangelischer Kirchen in der DDR haben hingegen betont, dass die Verweigerung des Kriegsdienstes das „deutlichere Zeugnis“ für Gottes kommende Friedensordnung sei. Dass die EKD-Denkschrift dies nun explizit verwirft, trifft nicht nur unsere ökumenischen Partner in der Kriegsdienstverweigerungsberatung, sondern auch uns. Denn das besondere Engagement für Kriegsdienstverweigerung als Aufgabe von Kirche wird abgewertet. Herr Schaede griff diesen Punkt engagiert auf und berichtete, dass er sich dafür einsetzt, dass mehr Landeskirchen ihre 18-jährigen Mitglieder anschreiben, um ihnen direkt die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerungs-Beratung anzubieten. Es gibt also auch in dieser Sache Kontaktpunkte für dialogisches Denken und Handeln.
Anthea regte an, dass die kollektive Nichtbeteiligung an Gewalt und ihre Wirkmechanismen Teil des neuen EKD-Dokuments zu ziviler Konfliktbearbeitung sein sollen. Leider wurden wissenschaftliche Erkenntnisse über diese Nichtbeteiligung an Gewalt und auch über die transformatorische Gewaltfreiheit von den Autor:innen der Denkschrift nicht wahrnehmbar rezipiert. Anthea berichtete von der muslimischen Gemeinde in Ruanda, der es mit dieser Entscheidung zur Nichtbeteiligung mitten im Genozid gelang, die Mitglieder aus allen Bevölkerungsgruppen beieinander zu halten und dabei Tausende Bedrohte vor mörderischer Gewalt zu retten. In den Jahrzehnten seither ist die muslimische Gemeinde Ruandas gefragte Friedensberaterin in der Region – während sich die christlichen Kirchen fragen, was verhindert hätte, dass aus ihren Reihen Massenmörder kamen.
Einig waren wir uns ebenfalls, dass unsere Kirchen und Gemeinden auf einem Lernweg sind, was die Überwindung von Diskriminierung und Gewalt in unseren eigenen Reihen angeht. Auf beiden Seiten suchen wir noch nach Veränderungen von Haltungen und Machtstrukturen, die Gemeinden erst zu sicheren Räumen machen, in denen Dialoge den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern können.
Wie geht es weiter?
Herr Schaede betonte abschließend, dass er in Vielem zustimme und sich wünsche, dass Kirchen nicht nur Botschafter, sondern Bauleute des Friedens sind. Daraus folgen zwei Schritte:
Die EKD plant die Erstellung des Dokuments zur zivilen Konfliktbearbeitung. Sie wird auf uns zukommen mit einer Bitte zur Mitwirkung, die dann von unserer Seite beraten werden wird.
Ein zweiter, vertiefender 24-Stunden-Dialog in einer Art „Friedenskonvent“ noch im Jahr 2026 soll angestrebt werden. Neben der herausfordernden Terminsuche wird zu klären sein, ob AMG und EKD weitere ökumenische Geschwister einladen wollen und welche Themen vertieft werden. Dafür soll es Planungszooms geben.
Anthea Bethge
Hamburg
Foto: In Hamburg im Gespräch (v.l.): M. Schamp-Wiebe, A. Bethge, B. Isaak-Krauß, S. Schaede, F. Enns
Aus: DIE BRÜCKE 4/2026
DIE BRÜCKE ist die täuferisch-mennonitische Gemeindezeitschrift. Sie erscheint 6 mal pro Jahr, 3 mal davon mit Beihefter mennonitischer Werke „Im Auftrag Jesu“, gedruckt und auch als PDF für Abonnenten. Infos und Bezug: https://www.mennoniten.de/die-bruecke-zeitschrift/