Mitten im Sturm – wozu Kirche da ist

Kirche als verletzlicher Schutzraum mitten im Chaos, getragen von Hoffnung, gemeinsamem Handeln und Gottes Zusage. – Predigt von Jule Lukasik zum 100-jährigen Bestehen der Mennonitengemeinde Augsburg

Hundert Jahre sind schwer greifbar. Beeindruckend, ohne Frage ein Festwochenende allemal wert. Eine Zahl, bei der der Großteil wirklich nicht seit Anfang an dabei war oder sich an diesen Anfang erinnern kann. An solchen Tagen, da stehen Rückblick und Ausblick nebeneinander und kollidieren vielleicht manchmal. Da ist das Bedürfnis nach der Rückschau und irgendwie auch der Wunsch nach Aufbruch. Denn der Rückblick ist greifbar. Der Ausblick dagegen oft nicht.

Mitten im Chaos
Wir kennen Zeiten, die keine Aufbruchszeiten sind. Wir kennen Zeiten, in denen die Zukunft ungewiss und sogar die Richtung unbekannt ist. Und die Bibel kennt sie auch. Die Geschichte von Noah beginnt in einer genau solchen Zeit. In Genesis 6 heißt es:
Der Herr sah, dass die Bosheit der Menschen auf der Erde zugenommen hatte. Den ganzen Tag lang hatten sie nur Böses im Sinn. Da bereute es der Herr, dass er die Menschen auf der Erde gemacht hatte. Er war zutiefst betrübt. (Genesis 6,5–6)

Irgendwie nachvollziehbare Gedanken, oder? Erschreckend nachvollziehbar. Genesis 6 beschreibt eine Welt voller Bosheit, Gewalt und Zerstörung. Wenn ich mich mit der Welt auseinandersetze, dann meine ich zu ahnen, was damit gemeint ist. Damit bin ich nicht alleine. So viele junge Menschen wie noch nie sehen heute pessimistisch in die Zukunft. Dabei ist es nicht so, als hätte man vor einigen Jahren und Jahrzehnten noch keine Gründe zur Sorge gehabt, und es ist auch nicht so, als gäbe nur das große Weltgeschehen Anlass dazu. Wir kennen auch im Kleinen unsere Gründe zum Seufzen. In unserem eigenen Leben, in unseren Gemeinden. Und es scheint, als hätte die Menschheit beim Lesen dieser Zeilen seitdem immer Grund genug gehabt, tief zu seufzen und zu sagen: „Tief betrübt? Das bin ich auch.“

In der Noah-Geschichte folgt nun der Teil, der so oft in der Kinderstunde genutzt wird:
Da sagte Gott zu Noah: »Ich habe den Untergang aller Lebewesen beschlossen, denn ihretwegen ist die Erde voller Gewalttaten. […] Bau dir ein Schiff, eine Arche, aus Nadelholz! […] Denn ich will eine Sintflut über die Erde hereinbrechen lassen. […] Doch mit dir schließe ich einen Bund: Geh in die Arche – zusammen mit deinen Söhnen, deiner Frau und den Frauen deiner Söhne. Nimm von allen Lebewesen jeweils ein Paar mit in die Arche […] damit sie mit dir am Leben bleiben.« (Genesis 6,13–19)

Da ist er: Der große Auftrag Noahs. Die Arche. Ein riesiges Schiff, das die große Flut überstehen soll. Der eine Ort, in dem Überleben möglich ist, inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung, die alles Leben auslöschen soll. Der eine Ort, der das Leben in sich überhaupt bewahrt. Dieser eine sichere Platz, das ist Gottes Reaktion auf all das Chaos. Nicht nur bei Noah. Das kennen wir auch so: Die Erschaffung der Welt ganz am Anfang inmitten von Chaos, die Arche, der trockene Weg durch das Schilfmeer. Orte mitten in einer chaotischen Situation, in denen das Leben erhalten bleibt. Das ist eines der Dinge, von denen diese chaotische und auch schwierige Geschichte der Sintflut uns erzählt.

Und in mir rührt sie die Frage an: Können wir das auch? Sicherer Ort sein, wenn da Chaos ist? Ist das nicht die Spur, der wir als Kirche – also Kirche als großes Ganzes, natürlich nicht als Ortsgemeinde – folgen müssten? Ist das nicht auch das, was wir versuchen? Das, was wir versuchen, mit Kindergottesdienst, Seniorenkreis, Kirchencafé, Bibelkreis, mit gesellschaftlichem Engagement, mit Bildungsveranstaltungen, mit einem umstrittenen Friedenszeugnis? Alles in der Hoffnung, Leben zu ermöglichen, wenn es angegriffen ist? Ist es nicht auch das, was von uns erwartet ist, Stichwort Kirchenasyl?

Ja. Meiner Vision von Kirche kommt das irgendwie nahe. Ein Ort, an dem Raum und Zeit für das Leben ist, mit all seinen Facetten. In dem das Leben erhalten bleibt, gemeinsam mit dem, der das Leben in der Hand hat. Stark. Anders. Hoffnungsvoll. Das, was ich bei einem Gemeindejubiläum visionär herausschreien will.
Mit Sicherheit nicht falsch. Und ganz oft gar nicht das, wie es sich anfühlt. Einer Spur, der wir folgen wollen, und dann gelingt es uns doch wieder nicht.

Ein Ort zum Aushalten
Schauen wir nochmal auf Noah. Noah nimmt Gottes Auftrag an, und er baut. Die Arche wird fertig, die Flut beginnt. Sintflut kommt aus dem Althochdeutschen, und das „Sint“ kommt tatsächlich nicht von Sünde, sondern mehr von „überall“. Überall Wasser, überall Flut. Und die Arche: Sie schwimmt tatsächlich. Ich weiß nicht, ob ihr euch als Kinder auch manchmal ausgemalt habt, wie das in der Arche wohl sein müsste. Ich habe das auf jeden Fall getan, und das ist ja auch das Schöne daran, dass die Bibel eben so häufig in Geschichten und Bildern redet und nicht nur eine Aneinanderreihung von Lehrsätzen ist: Man kann sich so wunderbar hineindenken. Wenn ich mich in die Arche hineindenke, dann merke ich: Das wäre kein entspannter Ort gewesen. Drinnen diese Vielfalt an Menschen und Spezies, draußen dieser schreckliche Sturm. Stark, anders und hoffnungsvoll hat sich dieser Ort wohl nicht angefühlt. Vielleicht eher klein, verletzlich und irgendwie durchhaltend. Die Arche ist ein Ort des Aushaltens. Ein Zwischenraum.

Dabei gab es mit Sicherheit auch gute Momente. In Genesis 6 empfiehlt Gott Noah auch, von jeder Speise eine gute Portion mit an Bord zu nehmen – genießen darf man an diesen sicheren Orten auch, aber die Arche ist kein Triumphschiff und kein Kreuzfahrtdampfer.

Und von uns als Kirche wissen wir, dass wir es auch nicht sind. Oft genug scheitern wir an dem, wie wir sein wollen. Oft genug haben wir das Gefühl, die Richtung vollkommen verloren zu haben, oft genug kommen wir unserem Auftrag, Schutzraum zu sein, nicht nach, und oft genug haben wir in Vergangenheit und Gegenwart, anstatt Leben zu bewahren, Leben erschwert und verletzt. Dieser Aspekt lässt sich nicht aussparen und nicht beschönigen. Kirche ist alles andere als glatt, und manchmal kann man sich fragen, ob wir überhaupt irgendetwas richtig gemacht haben. Und wenn wir uns das fragen, möchte ich mit uns an das Ende der Noah-Geschichte schauen.

Da dachte Gott an Noah – und an alle Tiere und das Vieh, die bei ihm in der Arche waren. […] »Nie wieder will ich alles Lebendige so schwer bestrafen, wie ich es getan habe. Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.« (Genesis 8,1.21–22) […]
Dann sagte Gott zu Noah und zu seinen Söhnen: »Ich aber, ich schließe meinen Bund mit euch und euren Nachkommen und allen Lebewesen bei euch. […] Ich setze meinen Bogen in die Wolken. Er soll das Zeichen sein für den Bund zwischen mir und der Erde.« (Genesis 9,8–13)

Gott schließt einen Bund, mit Noah und mit allem, was lebt. Gott garantiert seinen Menschen hier etwas. Etwas wird sicher: Die Grundlage zum Weitermachen. Die Menschheit ist nicht besser geworden, sie hat sich nicht geändert. Gott spricht am Anfang und am Ende unseres Textes nicht gerade positiv von ihnen, aber er sichert ihnen ganz unabhängig davon die Möglichkeit, das Gute zu tun. Diese Zusage ist keine Belohnung, nicht an die Bedingung geknüpft, sich jetzt aber wirklich mehr anstrengen zu müssen. Egal wie düster die Menschheit, egal wie düster der Mensch, egal wie chaotisch die Zustände, die wir selbst schaffen, Gott sorgt für Verhältnisse, in denen das Gute in Kooperation mit ihm getan werden kann. Gott sichert seine Treue nicht perfekten Menschen zu, an dieser Stelle spricht die Bibel nicht einmal von guten Menschen, sondern von gefährdeten Menschen in dadurch gefährdeten Zeiten. Das ist auch für die Zeit, in der unsere Erzählung entstanden ist, alles andere als selbstverständlich. Erzählungen von der Vernichtung der Menschheit durch große Fluten gab es in ganz vielen Traditionen und Kulturen. Viele davon sind unserer Erzählung sehr ähnlich. Oft ist dann aber von Konflikten zwischen Göttern die Rede, von denen der eine die Menschheit vernichten will, der andere noch an die Menschheit glaubt und sie rettet. In der Bibel ist das der eine Gott. Das eröffnet uns auch Fragen, aber es lässt eben auch diesen Gedanken zu: Gott weiß um die Probleme dieser Welt und Menschheit und spricht seine Zusage eben genau dort hinein. Immer trotzdem.

Und wenn wir heute fragen, ob wir denn überhaupt noch irgendetwas tun können, so ist die Antwort immer und immer wieder: Ja. Nicht perfekt, nicht stabil, aber ermöglicht durch Gottes bleibende Zusage und Zuwendung. So können wir weitermachen.

Und noch ein Gedanke zum Ende. Ich habe heute viel von Kirche geredet, und ich habe auch schon gesagt, dass ich dabei weder von einem Haus spreche noch von der Mennonitengemeinde Augsburg oder der Adventistengemeinde Augsburg oder von sonst irgendeinem Verein, einer Körperschaft oder wie auch immer. Kirche sind immer viele. Noah baut an seiner Arche. Und er tut es vermutlich nicht alleine. Darum weiß ich: An mir hängt es nicht, ob Gottes Weg weitergeht. Auf der Grundlage, die Gott geschaffen hat, in dem Handlungsraum, den Gott offen hält, da bauen viele. Viele andere, auf deren guten Willen, deren Gottvertrauen und Tatkraft ich mit hoffen darf. Da machen andere auch Kindergottesdienst, Seniorenkreis, Kirchencafé, Bibelkreis … Da versuchen Mennoniten seit vielen Jahren, ein Friedenszeugnis hochzuhalten, das nicht selbstverständlich ist – die feiern wir heute besonders. Und in Christus sind wir verbunden mit all den anderen. Ich durfte letztens auf der Jahresversammlung der Baptisten dabei sein, die sich neu in einer Resolution für Menschenrechte und die Bewahrung der Schöpfung ausgesprochen haben. Da bieten unsere katholischen und orthodoxen Geschwister in ihren Ritualen neu Orientierung und Sicherheit für junge Menschen. Da besteht eine Heilsarmee aus dem Zweck heraus, bei den Menschen zu sein, die sonst durchs Raster fallen. Da trägt eine evangelische Landeskirche zahlreiche Krisenberatungsstellen, und ich könnte ewig so weitermachen … Und das tut gut.

Denn, wenn ich von Kirche spreche, von Schutzräumen, darf ich wissen: Auch wenn etwas zu Ende geht, Kräfte schwinden, der Beitrag nicht mehr groß, nicht sichtbar, vielleicht verschwindend gering ist, dann sind da viele, die vor mir kamen, die nach mir kommen und die heute neben mir stehen, mit denen ich in Christus verbunden bin. Wir sind immer mehr als die, die wir sonntags oder samstags oder donnerstags oder wann auch immer sehen können.

Hoffnungsvoll und gelassen
An Jubiläen, wird traditionell zurück und nach vorne geschaut. Meistens fällt uns einer dieser Blicke ein bisschen leichter. Ich wünsche uns, dass wir heute von Noah lernen können, beides hoffnungsvoll und gelassen zu tun.
Hoffnungsvoll und voller Tatendrang, weil wir uns beauftragt wissen, sichere Orte zu schaffen, an denen Leben gelebt werden darf. Hoffnungsvoll, weil wir um alles Chaotische wissen, uns darin in bester Gesellschaft befinden und sehen, dass die Bewahrung des Lebens mitten darin eine der Linien Gottes ist.

Gelassen, weil wir wissen, dass Gott seine Versprechen nicht bricht. Und nicht zuletzt, weil ich und die Menschen um mich herum nur ein kleiner Teil des Archeteams sind, die ihr Bestes tun und in allem darüber hinaus auf all die anderen Hände und auf Gottes liebevolle Hände vertrauen dürfen. Und gelassen, weil Gott uns zugesagt, uns versprochen hat, dass die Grundlage und der Handlungsspielraum dafür bestehen bleibt, komme, was wolle.

Jule Lukasik
Wustermark

Abgedruckt in DIE BRÜCKE 5/2026