Nach dem Anschlag auf die Abschlussveranstaltung des Berliner CSD bekam diese bereits zuvor geschriebene Predigt der Berliner Mennonitengemeinde eine bedrückende Aktualität. Martina Basso fragt nach christlichem Einspruch mitten in Gewalt und Angst. In der gesprochenen Fassung gab es spontane Ergänzungen.
Es ist der 4. August 1936. Das Olympiastadion in Berlin ist bis auf den letzten Platz gefüllt. In der Loge sitzt Adolf Hitler. Ein packendes Duell steht bevor: Wer holt Olympiagold im Weitsprung der Männer? Der deutsche Springer Luz Long mit weißer Hautfarbe oder der Sportler mit dunkler Hautfarbe aus den USA, Jesse Owens? Long und Owens hatten sich während der Wettkämpfe angefreundet – das war den Nazigrößen ein Dorn im Auge. Als Jesse Owens dann mit dem Knacken der Acht-Meter-Marke zum Gold sprang, gab es für den Silbermedaillengewinner Luz Long kein Halten mehr: Er lief begeistert auf seinen neuen Freund Jesse zu, umarmte ihn und nahm ihn mit auf eine gemeinsame Ehrenrunde ins Oval des Olympiastadions – vor den Augen des Rassisten Adolf Hitler. Jahre später sagte Jesse Owens über diesen Moment: „Es bedurfte einer Riesenportion Mut, um sich mit mir zu befreunden. Das Einschmelzen all meiner Medaillen und Pokale würde nicht an diese 24-Karat-Freundschaft heranreichen, die ich in diesem Moment für Luz fühlte. Hitler muss verrückt geworden sein vor Wut, als er sah, wie wir uns umarmten.“
Mai 1990: Der anglikanische Priester und Anti-Apartheid-Aktivist Michael Lapsley lebt seit acht Jahren im Exil in Simbabwe. Er wurde aus Südafrika ausgewiesen, als es noch eine strikte Rassentrennung gab und er sich für Schulkinder einsetzte, die zu jener Zeit Angst haben mussten, erschossen oder verhaftet und gefoltert zu werden. Im Mai 1990 war Nelson Mandela, der große Freiheitskämpfer und spätere Präsident Südafrikas, bereits seit drei Monaten auf freiem Fuß und verhandelte mit den Machthabern für ein freies Südafrika ohne Rassentrennung und Gewalt. An einem Tag in diesem Mai 1990 ging Michael Lapsley an die Tür, als ein Paket für ihn abgegeben wurde. Es war eine Briefbombe vom südafrikanischen Geheimdienst. Bei deren Explosion verlor er beide Hände und ein Auge. Nach seiner Genesung kehrte Michael Lapsley 1992 nach Südafrika zurück, wo er 1993 Kaplan des Traumazentrums für die Opfer von Gewalt und Folter in Kapstadt wurde, das die Arbeit der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission unterstützte. 1998 gründete er das Institut zur Heilung der Erinnerungen, dem er seitdem als Direktor vorsteht.
Berlin 2025: Jouanna Hassoun, Tochter palästinensischer Eltern, und Shai Hoffmann, Sohn israelischer Eltern, besuchen Schulklassen, um mit Schülerinnen und Schülern über den Nahost-Konflikt zu sprechen. Sie hören den Jugendlichen zu, nehmen deren unterschiedliche Gefühle ernst. In einer geschützten Atmosphäre können verschiedene Standpunkte betrachtet und diskutiert werden. Aus dem Einander-Zuhören erwachsen Verstehen und Mitgefühl. Jouanna und Shai haben dabei ihre Vorbilder vor Augen, die Combattants for Peace, die Kämpfer für den Frieden. In dieser Gruppe treffen sich ehemals auf israelischer und palästinensischer Seite Kämpfende. Gemeinsam arbeiten sie daran, dass das Blutvergießen ein Ende nimmt und gerechtes Zusammenleben im Nahen Osten möglich wird.
Einspruch gegen Gewalt und Unrecht
Drei Geschichten aus drei unterschiedlichen Zeiten – alle haben etwas gemeinsam: Alle drei Geschichten erheben Einspruch – Einspruch gegen Krieg und Gewalt, gegen Hass und Lüge, gegen Unterdrückung und Unrecht.
Schöne Geschichten, könnte jetzt der Eine oder die Andere sagen, aber wir sehen und hören immer nur die Katastrophennachrichten im Fernsehen. Was nützt es da angesichts der unzähligen Schreckensnachrichten, Einspruch zu erheben?
Luftalarm in Teheran, Schüsse auf Schiffe in der Straße von Hormus, gegenseitige Drohnenangriffe von Russland und der Ukraine, Polizisten töten bei einer Festnahme einen Marokkaner in Bologna, der bereits seit 30 Jahren in Italien lebte, erneut mehr Fälle von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, Deutschlands Frauenhäuser platzen aus allen Nähten und so weiter und so fort …
Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem. Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn! (Jesaja 2,1–5)
Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja: Gott richtet das in Trümmern liegende Jerusalem auf, macht es groß und weithin sichtbar und erkennbar. Die Völker strömen daraufhin zum Zion, weil ihnen von dort Weisung und Worte des Ewigen entgegenkommen. Dann und solange wie nötig richtet und schlichtet Gott in der Rolle eines Schiedsrichters die Konflikte der Völker so, dass gewaltvolle und kriegerische Auseinandersetzungen sich endgültig erübrigen. Abrüstung ist die Konsequenz aus der von Gott eröffneten Konfliktlösung, der friedlichen Schlichtung und der Aufrichtung von Recht und Gerechtigkeit. Abrüsten wird zu einem Umrüsten: Die Schwerter und Speere werden so lange mit dem Hammer behauen, bis sich Instrumente des Tötens in Instrumente des Lebens verwandeln. Die Richtung geht nun schlussendlich vom Krieg zum Frieden hin.
Geschichten, die eine andere Richtung zeigen
27. März 1945: Britische Soldaten spüren den deutschen Feldwebel Bernd Trautmann in einer Scheune am Niederrhein auf und bringen ihn in ein Kriegsgefangenenlager nach England. Dort fällt er bei den Fußballspielen im Lager auf. Nach seiner Freilassung bleibt Trautmann in England. 1949, vier Jahre nach Kriegsende, unterschreibt er einen Profivertrag als Torwart bei Manchester City. Als einstiges Mitglied der deutschen Luftwaffe empfingen ihn die Fans von Manchester teilweise mit offener Feindseligkeit. Zwanzigtausend Fans gingen auf die Straße, um gegen den Transfer von „Traut the Kraut“ zu protestieren. Einige Fans von Manchester City gaben aus Protest ihre Dauerkarten zurück, diverse Fangruppen verfassten Protestbriefe. Der Rabbiner von Manchester, Alexander Altmann, der selbst von den Nazis aus Deutschland vertrieben worden war, bat die Bürger der Stadt in einem offenen Brief, unvoreingenommen mit Trautmann umzugehen.
Er beendete 1964 nach 15 Jahren seine Karriere als Spieler mit 41 Jahren in seinem 590. Spiel. 47.000 Zuschauer wohnten seinem Abschiedsspiel im völlig überfüllten Stadion an der Maine Road bei – ein bemerkenswerter Gesinnungswandel der zuerst so ablehnenden Fans. Im Stadion rissen die Fans die Torpfosten heraus, da zwischen diesen Pfosten niemand anderes mehr stehen sollte als Trautmann. In England gilt Bert Trautmann noch immer als einer der besten Torhüter aller Zeiten.
Dezember 2015: Die zwölfjährige Zain Alkudi kommt mit ihrer Mutter und ihren beiden kleinen Schwestern nach monatelanger Flucht in Berlin an. Ihr Vater ist im syrischen Bürgerkrieg erschossen worden. Sie kann kein Wort Deutsch. Gut sechs Jahre später macht sie ihr Abitur mit der Gesamtnote 1,0. Der besondere Dank gilt ihrer Klassenlehrerin aus der Grundschule, die sie gleich nach der Flucht aus Syrien unterstützte: „Sie war der Grund, warum ich schnell Boden unter den Füßen bekommen habe. Sie sagte zu mir: Du hast Feuer in den Augen. Und dann habe ich gedacht: Ja, ich kann es auch hier schaffen.“
Solche Geschichten gibt es nicht nur in den großen Erzählungen der Geschichte. Auch heute und in unserem eigenen Umfeld gibt es Menschen, die Einspruch erheben, wenn Mutlosigkeit, Verzweiflung, Aggressivität oder Dummheit sich breitmachen.
Aufstehen und im Licht gehen
Jesaja bringt uns ein Bild nahe, das uns den Rücken stärken soll: Gott stellt uns ins Licht und eröffnet uns einen anderen Raum. Wir feiern Gottesdienst inmitten von dem, was uns umtreibt, in der Welt und im ganz Privaten. Wir stellen uns ins Licht der Gegenwart Gottes, hören auf seine Worte, wollen lernen, beten für uns und alle Völker.
Jeder Gottesdienst ist ein Einspruch! Gegen Krieg und Gewalt, gegen Hass und Lüge, gegen Unterdrückung und Unrecht. Jedes Mal, wenn wir Abendmahl feiern, wird uns Mut zugesprochen, nicht in Frustration, Angst und Depression zu versinken, sondern aufzustehen und im Licht, im Frieden zu gehen. Mut, Brücken zu bauen.
Martina Basso
Berlin
Abgedruckt in DIE BRÜCKE 5/2026