Die Flucht nach Ägypten und zurück

Die mit dem Menno-Simons-Predigtpreis 2025 prämierte Predigt von Yusef Daher, zuerst gehalten in Jerusalem, im Oktober 2024

Wie sehr erinnert uns diese biblische Geschichte aus Matthäus 2,13-16 an das, was heute geschieht! Sie erinnert uns daran, dass wir Angst haben, wenn unsere Kinder mit dem Tod bedroht sind, wenn wir gezwungen sind, zu fliehen; aber auch, dass wir zurückkehren können. Der Sohn des allmächtigen Gottes war in Gefahr. Derjenige, der das Kreuz nicht fürchtete, hätte zur falschen Zeit getötet werden können, bereits als Kind, viel früher als vorgesehen.

Als palästinensische Christen von heute und während dieses grausamen Krieges, der sich besonders gegen Kinder richtet, sind wir so oft mit dem Gedanken konfrontiert, unsere Familien zu nehmen und aus dem Heiligen Land zu fliehen. Viele sind zur Flucht gezwungen, und viele haben sogar mit ihrem gesamten Vermögen dafür bezahlt. Viele andere aus dem Westjordanland sind ebenfalls geflohen. Gaza wird bald vollständig von Christen entvölkert sein, wenn Krieg und Unterdrückung weitergehen. Dasselbe gilt für andere Orte im Heiligen Land, wo Angst und Hass regieren.

Die Zahl der Christen in Gaza ist von 1100 auf heute 600 gesunken, die immer noch mit Hunger, Krankheit und Angst zu kämpfen haben. Sie suchen Zuflucht in den Kirchen, während sie ihre zerstörten Häuser verlieren. Die anderen, denen die Flucht gelungen ist, sind nun über Ägypten und andere Länder verstreut. Dennoch sagen wir den anderen, die im Heiligen Land, in Jerusalem, innerhalb Israels und im Westjordanland leben, dass sie standhaft bleiben und nicht weggehen sollen. Standhaftigkeit darf jedoch keinesfalls Selbstmord bedeuten, denn wir haben die Geschichte der Heiligen Familie, die uns einen anderen Weg in Würde und Sicherheit zeigt.
Jesus, der drei Jahre in Ägypten verbrachte, kehrte zurück, um sein vorbestimmtes Wirken und sein heiliges Leben zu erfüllen, das er in Nazareth, Jerusalem, am See Genezareth, in Nablus, Samaria, Jericho, am Jordan und im südlichen Libanon sowie an vielen anderen Orten verbrachte, die für diese Familie Heimat waren. Das ist die Botschaft, die dieser Abschnitt für uns, das Volk Gottes, das Volk dieses Landes, enthält. Das ist die Botschaft der Hoffnung, die wir alle aus dieser heiligen Geschichte mitnehmen. Die Familien, die weggegangen sind, müssen nach Hause zurückkehren, die Geiseln, die Kranken und Verängstigten, die Gefangenen, die Flüchtlinge und alle anderen.

In vielen Traditionen und Kulturen ist Flucht eine unerwünschte, erzwungene Alternative, für die sich die Menschen schämen. Die Familie Jesu zeigt uns, dass es keine Schande ist, wenn der König der Könige sie wählen muss. Es ist keine Schande, wenn später die Rückkehr folgt. Die Flucht rettete das Kind vor dem bösen Mörder, aber das Böse endete damit nicht. Aus Wut tötete er als Reaktion darauf viele weitere Kinder. Herodes befahl die Ermordung aller Kinder in Bethlehem. Man könnte sich fragen, ob die anderen Kinder gerettet worden wären, wenn Jesus in diesem Alter getötet worden wäre. Das mag sein, aber wir alle wissen heute, was Jesus für die gesamte Menschheit getan hat. Der Erlöser musste für das höhere Ziel leben, für das er gesandt worden war. Was für ein Preis!

Bedeuten all diese Todesfälle von heute, dass aus all dem Bösen und all der Angst etwas Gutes entstehen wird? Nur wenn wir die Geschichte zu Ende verfolgen, wird es Frieden und Erlösung geben. Die Pflicht der Menschheit, die Flüchtlinge und Vertriebenen in ihre Heimat zurückzubringen, ist ein wichtiger Weg zu Gerechtigkeit und Frieden in dieser Region. Der Tod des Herodes ähnelt dem Tod des Bösen und des Hasses, all dieser Absichten, zu töten und über die armen, wehrlosen Menschen zu herrschen.

Letztendlich muss das, was in dieser Reflexion für Christen gilt, auch für alle anderen gelten. Juden, Muslime und andere. Juden sind in der Vergangenheit aus diesem Land geflohen, und viele sind zurückgekehrt. Auch Muslime und Christen wurden vertrieben, und viele warten darauf, zurückkehren zu können. Der Frieden in diesem Land kann ohne die Rückkehr aller Kinder dieses Landes nicht sein. In der Geschichte gab es Juden und andere – die Anderen waren auch Menschen dieses Landes. Kein politischer Führer sollte uns eine verkürzte Geschichte erzählen. Kein Führer sollte uns irreführen und uns sagen, dass Gott bestimmte Kinder zum Leben und andere zum Tod auserwählt hat. Dass Gott bestimmte Menschen dazu bestimmt hat, zu gehen, und andere, ihren Platz einzunehmen. Gott wollte uns alle zurück in seinem Heiligen Land.

Manchmal hört man, dass die Heilige Familie auf ihrer Reise nach Ägypten durch Gaza kam und dass sie auf ihrer Rückreise ebenfalls durch Gaza reiste, und dass die Philister damals nicht so grausam waren, wie es in einigen Versen des Alten Testaments beschrieben wird oder wie es die heutigen israelischen Führer behaupten … Aber das sind alles Erzählungen und Überlieferungen von früher, sagen Tourismusfachleute normalerweise zu Touristen. Für uns ist diese Geschichte eine von Zuflucht und Flüchtlingen.

Viele Völker haben solche Reisen erlebt. Die meisten davon verliefen nicht reibungslos oder einfach. Viele starben sogar auf dem Weg. Auf der anderen Seite haben viele Länder Flüchtlinge aufgenommen. Legal oder illegal, Flüchtlinge dürfen unter den Völkern dieser Nationen leben. Diese Geschichte erinnert uns daran, in jedem Flüchtling Jesus zu sehen. Begleiten sie sie bei ihrer Ankunft und während ihres Aufenthalts. Helfen Sie ihnen, in ihre Heimat zurückzukehren, wenn es wieder sicher ist. Es ist irgendwie eine Pflicht für Christen, Flüchtlinge aufzunehmen und zu unterstützen. Niemand sollte sein ganzes Leben lang Flüchtling sein. Zuflucht sollte immer nur vorübergehend und befristet sein. Im palästinensischen Kontext wissen wir, dass viele Palästinenser seit 77 Jahren ihr ganzes Leben lang Flüchtlinge sind. Einige wurden sogar mehr als einmal vertrieben. Einige leben im Ausland und haben inzwischen eine andere Staatsbürgerschaft angenommen. Bis ihre politische Frage gelöst ist und Gerechtigkeit herrscht, werden sie weiterhin Flüchtlinge sein und nicht sicher zurückkehren können oder zurückkehren dürfen.

Gottes Wille kommt in diesem Vers deutlich zum Ausdruck: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ Das ist der Wille Gottes zum Wohl aller Menschen. An jedem Ort und auf jedem Kontinent, für jedes Volk und jede Ethnie. Flieht, wenn das Böse so grausam ist, dass ein Bleiben Selbstmord bedeutet. Aber kehrt nach Hause zurück, denn dort hat Gott euch geschaffen. Dort will Gott, dass ihr seid, dass ihr dient und gedeiht …
Gott ruft uns dazu auf, Gastgeber:innen und Begleiter:innen dieser Flüchtlinge zu sein. Sie aufzunehmen, während sie unter uns sind, und sie dabei zu unterstützen, dorthin zurückzukehren, wo es kein Übel und keine Gefahr mehr gibt. In dieser biblischen Geschichte sind wir alle aufgerufen, Flüchtlinge und Gastgeber. Gläubige und Ungläubige. Kirche und Laien. Macht die Zuflucht vorübergehend und die Heimat dauerhaft.
Zuhause ist dort, wo du hingehörst und wo das Leben Gottes Wille ist.

Yusef Daher

Nachdruck aus DIE BRÜCKE 4/2025

Zur Preisverleihung bekam Yusef Daher kein Visum, und war per Video zugeschalten