Was meinen wir eigentlich, wenn wir von einer Praxis sprechen, die Frieden schaffen will – und welche Worte tragen diese Bedeutung heute noch?
Ein Artikel von Dorothea Ruthsatz, „Plädoyer für einen Wort-Wechsel“ (Brücke 6/2024), entfachte eine Diskussion über den Begriff der Gewaltfreiheit in mennonitischen Kreisen. Ruthsatz schlug vor, das Wort durch „Friedfertigkeit“ zu ersetzen. In diesem Zusammenhang kann man sich die Frage stellen, ob wir Mennoniten wirklich gewaltfrei sind. Sind wir es? Waren unsere Altvorderen gewaltfrei? Günter Driedgers Beitrag, Brücke 5/2025, stellt fest: In der Tat waren die frühen Täufer nie ganz gewaltfrei, auch nicht in ihren Überzeugungen.
Andererseits beschreibt die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland (AMG) sich selbst auf ihrer Webseite: „Wir leben unseren Glauben liebevoll, geistreich, tatkräftig und gewaltfrei.“ Gewaltfreiheit wird als ein wichtiger Wert der AMG betont. Im Folgenden möchte ich diese Selbstbeschreibung der AMG unterstützen und auf die Einwände von Ruthsatz und Driedger eingehen.
Aber wir müssen uns nicht an einem Begriff festbeißen. Friedfertigkeit hat einen klaren, unmittelbaren Vorteil: Es handelt sich um eine positive Tugend und nicht um eine Ablehnung. Es rückt in den Vordergrund, uns proaktiv für den Frieden einzusetzen, anstatt nur das zu untersagen, was wir ablehnen. Wir wollen für den Frieden sein, für den Frieden arbeiten, nicht einfach nur (vermeintlich passiv) Gewalt ablehnen oder selber frei von Gewalt sein.
Bei diesem Vorschlag geht dennoch etwas Wichtiges verloren, weil Gewaltfreiheit mehr als ein Begriff geworden ist. Es ist, in den Worten von Fernando Enns, ein regulatives Prinzip der mennonitischen Theologie. Und nicht nur der mennonitischen. Darauf komme ich später zurück.
Aber erst einmal, was ist mit dieser Frage, ob unsere stolze Tradition wirklich gewaltfrei war? Bezugnehmend auf eine wissenschaftliche Tagung ‚500 Jahre Täuferbewegung in der Schweiz‘ im Juni 2025 weist Driedger daraufhin, „dass es keine Belege dafür gibt, dass die frühen Täufer staatliche Gewalt generell ablehnten“. Dokumentiert wurde sogar, dass Auseinandersetzungen unter Täufern dazu führten, physische Gewalt gegeneinander anzuwenden. Historische Fälle von häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch an Minderjährigen lassen sich identifizieren. Selbst wenn die mennonitische Tradition besagt, dass sie im Wesentlichen den Wehrdienst über die Jahrhunderte ablehnte, waren Mennoniten nicht alle in diesem Punkt einig. Immer wieder gab es Militärdienstleistende, die mit der Waffe in den Krieg zogen.
Wenn all das bekannt und dokumentiert ist, lässt sich für heute fragen: Wieso sprechen die Täufer und Mennoniten von einer vermeintlichen Überzeugung der Gewaltfreiheit? Driedger findet, dass wir das Wort hinter uns lassen sollten. Hier will er dem Vorschlag von Ruthsatz folgen, die lieber von Friedfertigkeit bzw. Friedenstiften sprechen möchte. Die zwei Begriffe beschreiben klar ein vorwärtsgerichtetes Handeln für den Frieden.
Driedger geht bei seiner Argumentation gegen den Begriff Gewaltlosigkeit noch einen Schritt weiter. Unter „strikter Gewaltfreiheit“ verstehe ich weit mehr als Wehrlosigkeit oder auch Kriegsdienstverweigerung. Sie bedeutet vielmehr „auch die Ablehnung staatlicher Gewalt, z.B. militärischer Gewalt und auch Polizeigewalt“ (S. 37). Wir befürworten in der Regel das Gewaltmonopol unseres Staates.
Driedger hat recht. Wenige von uns würden darauf verzichten, die Polizei zu rufen, wenn wir eine Straftat auf der Straße sehen oder in unser Haus eingebrochen würde. Verlangt eine gewaltfreie Gesinnung nicht, dass man alle Formen potenzieller Gewalt meidet? Werden wir in eine gewaltbereite Welt hineingezogen, indem wir den Schutz der Polizei und des Militärs akzeptieren? Die Antwort ist klar: Ja, das tun wir.
Das Problem dabei ist: Wer in einem System die Vorteile des Systems für sich in Anspruch nimmt, ohne Protest, nützt auch dessen Privilegien und befürwortet dessen Strukturen. Eigentlich können wir den Punkt noch stärker ausdrücken: Wir – wir friedensliebenden, vermeintlich Gewaltfreiheit praktizierenden Mennoniten – sind aktive Mitglieder eines sich auf Gewalt stützenden Staates, der finanziell, militärisch und politisch eine Herrschaft über schwächere Menschen und Länder ausübt.
Um mich mal als Beispiel zu nehmen: Ich bin weiß, männlich, hetero und akademisch ausgebildet, ausgestattet mit einem Reisepass, der Bewegungsfreiheit gewährleistet und aus diesen Gründen mache ich mir keine Gedanken, wenn ich der Polizei begegne. Das gilt beileibe nicht für alle in Deutschland lebenden Menschen. Die vielen unter uns lebenden „geduldeten“ Migranten, aber auch Menschen, die nicht weiß aussehen, haben da ganz andere Erfahrungen gemacht. Racial Profiling ist hier verboten, aber wer hat nicht schon gesehen, dass Kontrolleure in Bus und Bahn einen besonderen Blick auf solche Kunden werfen? Sie erleben das als Druck, als Überwachung durch den Staat. Sie gewinnen den Eindruck, „ich gehöre nicht hierher“. Es ist ein Phänomen struktureller Gewalt.
Ich bin somit Teil eines gesellschaftlichen Systems, in dem Strukturen von gewaltimmanentem Rassismus, den die meisten von uns nicht am eigenen Leib erfahren, den wir nicht sehen oder den wir ohne Widerstand billigend hinnehmen.
Es ist schwer zu akzeptieren, dass die Quelle der Gewalt nicht nur da draußen ist. Sie steckt nicht nur in „dem Anderen“. Gewalt steckt auch in mir, in uns, in der Gesellschaft selbst. Wir sind auch dran. Sich für Gewaltfreiheit zu engagieren bedeutet folglich: Wir müssen uns selbst ganz genau im Spiegel betrachten.
Wenn Gewalt so weit verbreitet ist, dass sie auch in mir ist und ich sie nicht merke, dann haben wir vor uns eine wirklich große Aufgabe. Es langt nicht, ein bisschen Frieden einzustreuen. Daher bleibe ich bei dem Begriff Gewaltfreiheit, allerdings ganz anders gedacht und benutzt. Ich sehe drei Gründe, warum wir das Wort Gewaltfreiheit behalten.
Das Wort Gewaltfreiheit als Code
Das umstrittene Wort hat in den letzten Jahrzehnten eine wachsende, tiefgreifende Wirkung entwickelt. Gewaltfreiheit ist jetzt so etwas wie ein Code oder Symbol für eine lebendige Bewegung im Untergrund. Sie zeigt sich nicht im Rückblick auf die Historie oder in Wortanalysen, sondern in der Lebensform von Communities, die sich heute konkret für den Frieden engagieren. Ich würde sagen, dass Gewaltfreiheit in Gemeinschaften und Kreisen, die den sozialen Wandel leben, etwas anderes ist als in der historischen Forschung verstanden.
Wer das Code-Wort „Gegenpressing“ verwendet, outet sich als Fußballfan. Eine Regenbogenfahne auf der Außenwand eines Wohnblocks ist ein Code für Menschen, die sich mit Schwulen, Lesben und andere Nicht-Hetero-Personen solidarisieren. Gewaltfreiheit als Wort ist eben auch ein Code für bestimmte Kollektive. Enns nennt sie „eine ethische Wahlmöglichkeit, Gewaltfreiheit ist zu einem regulativen Prinzip der gesamten mennonitischen Theologie geworden“ (MennLex, Fernando Enns, „Friedenstheologie“).
Ein „regulatives Prinzip“ ist die Lebensform solcher Kollektive. Wir reden hier nicht von Wahrheitsansprüchen oder Doktrinen, sondern von Weisungen für gemeinschaftlich verbindliche Regeln des Diskurses, der Haltung und des Handelns (George Lindbeck). Menschen sagen solche Sachen wie: „Ja, so haben wir es hier gelernt“. Wir verinnerlichen eine Reihe von Fähigkeiten, die von der Gemeinschaft durch Übung und Training entwickelt wurden. Menschen, die von außen hineinschauen, kennen es (noch) nicht. Das Erlernen dieser Lebensform erfordert Zeit und eine zunehmende Einbindung in die Gemeinschaft.
Gewaltfreiheit als Wort und Praxis ist so ein regulatives Prinzip für Friedenskirchen. Wie Dorothee Sölle sagt, „Gewaltfrei zu existieren bedeutet, mit anderen Lebewesen in einem gemeinsamen Leben zu denken und zu handeln“. Es ist eine Gemeinschaft (Ekklesia), die Werte und Praktiken gewaltfreien Handelns teilt.
Gewaltfreiheit als allgemeine Taktik
Gewaltlosigkeit kann prinzipiell oder pragmatisch sein: prinzipiell im Sinne einer moralischen oder religiösen Überzeugung, die Gewaltlosigkeit rechtfertigt oder fordert. Pragmatisch in dem Sinne, dass sie sich als wirksam und motivierend erweist. Gewaltfreiheit wirkt! Wir schauen zunächst die pragmatische Seite an.
In den Nachrichten kriegt man immer wieder mal isolierte Fälle von gewaltfreien Aktionen und Widerstand mit. Wer aber genauer hinschaut, wird staunen, wie viel Gewaltfreiheit in vielen Gesellschaften in unterschiedlichen Formen praktiziert wird.
Im 20. Jahrhundert gab es berühmte Beispiele wie der von Gandhi geführte Salzstreik in Indien oder die von südamerikanischen Frauen popularisierte Protestform des Cacerolazo, bei der auf Töpfe und Pfannen geschlagen wird, um gegen Regierungspolitiker zu protestieren. In den 1970er und 80er Jahren riefen die Mütter der Plaza de Mayo in Argentinien, deren Kinder unter zunächst ungeklärten Umständen „verschwanden“, zu Boykotten von Palmölprodukten auf. Während des Bürgerkriegs in Liberia entblößten Frauen 2003 in der Öffentlichkeit ihre Körper, um Männer zu beschämen und sie unter Druck zu setzen, ein Waffenstillstandsabkommen zu unterzeichnen.
Auf der Webseite von Church and Peace kann man einen Flyer namens „55 Erfolge für die Gewaltfreiheit“ lesen oder direkt downloaden: http://bit.ly/294DT62. Darin sind nur einige der erfolgreichen, gewaltfreien Interventionen aus der Zeit von 1907 bis 2009 dokumentiert.
Aber all das ist nur die Spitze eines riesigen Eisbergs. Täglich wird gewaltfreier Widerstand im Großen und Kleinen geprobt. Zivilen Widerstand gibt es bei Blockaden indigener Völker gegen den Rohstoffabbau im Amazonasgebiet und Kanada, Hungerstreiks, Straßenproteste, das Aufhängen von Transparenten, dem Schutz von Walen durch Bootsinterventionen in den Weltmeeren. Und hierzulande beim Baumhausprotest gegen Abholzung 2018 im Hambacher Forst und 2020 im Dannenröder Wald. In der US-Stadt Minneapolis kommen aktuell Nachbarn zusammen, wenn gepfiffen und gehupt wird, um Migranten vor den ICE-Behörden zu schützen.
Ein pragmatischer Grund, warum abertausende solcher Aktionen im Zusammenhang mit Kirchen stattfinden, ist, dass Gewaltfreiheit erst dann effektiv wird, wenn Gruppen von Menschen (in einem Gebäude) zusammenkommen und bestimmte Fähigkeiten entwickeln. Die Anwendung einer Taktik in einem bestimmten Kontext erfordert oft viele Kompetenzen, darunter Planung, Organisation, Logistik und Training. Man braucht AnwältInnen, ÄrztInnen, LehrerInnen, SeelsorgerInnen und OrganisatorInnen. Und einen Standort. Damals hatte Martin Luther King dafür Kirchenbänke verwendet; heute ist das nicht anders. (Siehe Civil Resistance Tactics in the 21st Century, PDF 2021, Michael A. Beer)
Gewaltfreiheit ist experimentell. Sie ist, eben wie die Herausforderung, Jesus nachzufolgen, keine Pflicht, kein moralisches Dekret. Sondern eine Ermutigung mitzumachen, ohne zu wissen, wo genau dieser Lebensstil hinführen wird. So wird man friedenstüchtig.
Gewaltfreiheit als gelebte Spiritualität
Warum ist eine so verstandene Gewaltfreiheit wichtig für Friedenskirchen? Sie gründet auf der einfachen Überzeugung, dass Gewalt einfach nicht mit dem Charakter Jesu und dem Ruf in seine Nachfolge vereinbar ist – diese Nachfolge verlangt von uns Widerstand. Wir bekräftigen unsere Identität als BürgerInnen des Reiches Gottes und als Fremde in dem Land, in dem wir zuhause sind.
Da haben wir es wieder: ein Wort im Negativen, Widerstand. Wo ist das Positive dabei? Die Kehrseite der Medaille ist das Reich Gottes. Es ist ein konstruktives Programm im Sinne von Dorothy Day, die sagte: „Wir zielen darauf, die neue Welt in der Hülle der alten aufzubauen. Diese Tätigkeit gedeiht in kleinen Gemeinschaften, wo Würde bewahrt und wiederherstellt und die Gesellschaft in Achtsamkeit neu strukturiert wird. Wir bauen die „beloved community“, eine Gemeinschaft der Liebe.“
Theologisch kann man diese Idee so schildern: „Jetzt sollen die Mächte und Gewalten in der unsichtbaren Welt durch die Gemeinde die ganze Tiefe und Weite von Gottes Weisheit erkennen“ (Eph. 3,10, Elb). Die ultimative Macht und Struktur des Universums manifestierten sich unter Menschen durch Jesu Akt der Selbstentäußerung um der Liebe willen. Diese Umkehrung hat Auswirkungen auf alle Aspekte der Botschaft: Sie definiert Liebe neu als auf andere bezogene Opferhandlung. Sie lehnt konventionelle Macht und Autorität ab und stellt an ihrer statt den Dienst an anderen. Dazu gehörte auch eine „bewusste Demontage der Konzepte von Hierarchie und Macht”. Jesus, der als machtloser Mensch starb, schuf den Anfang einer neuen Gesellschaftsordnung. Während Politik ohne Hierarchie unmöglich ist, gedeiht die anti-hierarchische Gemeinschaft in den Zwischenräumen der Machtverhältnisse.
So kann man Gewaltfreiheit kurz und knapp theologisch-politisch deklinieren. Wir können es aber auch anders formulieren als etwas zutiefst persönliches: Die Tradition der Gewaltfreiheit ist eine Art, jene Kraft zu benennen, die tiefer ist als das Leid, das wir erfahren haben. Sie ist auch tiefer als das Leid, an dessen Ursachen wir selbst beteiligt sind.
Wo holt man eine solche Kraft her? Jesus sagt, sie ist uns schon inwendig. Du hast schon diese Kraft in dir. Warst du jemals in einer misslichen Situation, wo jemand beabsichtigte, deine Würde mit Füßen zu treten? Aber du hast weder mit Passivität noch Aggression reagiert? Konntest du einen dritten Weg finden, dein eigenes Selbstwertgefühl zu retten, ohne der anderen Person ihren Wert zu nehmen? Ja, dann hast du Erfahrung mit dieser Tradition, die in Kreisen des sozialen Wandels oft als Gewaltfreiheit bezeichnet wird.
J. Jakob Fehr
DMFK
Erschien in DIE BRÜCKE 2/2026