Maren Schamp-Wiebe hat den Ex-Hutterer Jason Stahl interviewt, der sich für den Umgang mit Sterben und Tod in Deutschland interessiert und Menschen bei ihrem Abschied vom Leben begleiten möchte
Maren: Hallo Jason, ich kenne dich durch Besuche in der Hamburger Mennonitengemeinde. Du bist Historiker, der gerade über die ehemaligen Hutterer-Siedlungen im heutigen Slowakei- und Ukraine-Gebiet promoviert. Wie kommt es, dass du dich so aktiv mit Sterben und Tod beschäftigst?
Jason: Das ist eine gute Frage. Ich habe natürlich bei den Hutterern einen anderen Umgang mit dem Tod gelernt. Die Kinder sind beim Sterben und bei der Beerdigung immer dabei.
Im Januar 2025 habe ich an einer Online-Fortbildung für „Death Doulas“ teilgenommen, angeboten von der University of Vermont. „Death Doula“ bedeutet so viel wie „Sterbeamme“ oder „Sterbegefährt:in“. Das fand ich sehr interessant. Ich habe viel über das Thema gelesen und herausgefunden, dass jedes Jahr ein „Death Festival“ in Berlin stattfindet. Da wollte ich unbedingt dabei sein. Also fragte ich an, ob ich bei Auf- und Abbau helfen und dadurch gratis teilnehmen könnte. Das ging.
Von diesem Festival habe ich noch nie gehört. Was hast du dort erlebt?
Da gab es beeindruckende Workshops. Zum Beispiel war da ein Sarg aufgebaut, und wer wollte, konnte sich hineinlegen und spüren, wie sich das anfühlt.
Haben die Besucher:innen das Angebot angenommen?
Und wie! Die Schlange war so lang, dass ich es nicht mehr geschafft habe, dranzukommen. Die Leute haben sich reingelegt, dann wurde der Deckel fest zugemacht, und sie blieben darin 15 Minuten liegen. Einige zogen sich aus, weil sie es nackt erleben wollten. Ein paar Leute haben die Anwesenden danach betreut, da beim Liegen im Sarg viele Emotionen hochkommen können.
Das war sicher eine ganz besondere Erfahrung. Wie ging es nach dem Festival weiter?
Ich habe auf dem Death Festival eine Frau aus Bergedorf kennengelernt. Sie heißt Claudia Kardinal und leitete einen Workshop. Den fand ich spannend, also habe ich sie besucht. Diese Frau hat schon viele Bücher geschrieben. Eins hat den Titel „Lebe und lerne sterben!“.
Sie hat mir einen wichtigen Satz gesagt: „Wenn du richtig und ganz leben willst, dann beschäftige dich mit deinem Tod!“
Du hast mir erzählt, dass du ein Praktikum bei „Trostwerk“ gemacht hast. Das Bestattungsunternehmen ist in Hamburg für alternativen und kreativen Umgang mit Tod und Trauer bekannt und beliebt.
Frau Kardinal hatte mir empfohlen, dort ein Praktikum zu machen. Sie meinte, ich könnte dort angelernt werden und später vielleicht als Bestatter jobben.
Wie lange warst du dort und was hast du gelernt?
Mein Praktikum dauerte zwei Wochen und war sehr intensiv. Ich durfte alle Bereiche kennenlernen und war sehr beeindruckt, wie die Trauerbegleiter mit den Angehörigen arbeiten.
Ich war auch dabei, wenn wir die Leichen aus dem Keller des UKE (Klinikums) geholt haben. Ich habe bei der Versorgung geholfen, also den Toten zurechtgemacht. Ich war auch im Krematorium, da sich über die Hälfte der Menschen in Deutschland für eine Feuerbestattung entscheidet. Und ich war auch bei Trauerfeiern dabei und habe beim Auf- und Abbau geholfen.
Leider wurde Trostwerk mittlerweile an eine größere Kette verkauft. Das hat das Bestattungsunternehmen sicher verändert.
Ja und nein. Ich habe bei den Mitarbeitenden immer noch gespürt, dass sie sich wie eine große Familie fühlen. Das Unternehmen wurde ja mal von engen Freunden gegründet, und die Leute, die ich kennengelernt habe, waren sehr empathisch und einfach toll. Sie waren immer Teil der Trauergemeinde und haben wirklich Anteil genommen.
Was ist bei den Mitarbeitenden von Trostwerk anders als bei anderen Bestattungsunternehmen?
Was am Trostwerk besonders ist: Sie lassen sich viel mehr Zeit und erlauben den Trauernden, immer wieder zu kommen, bei der Versorgung mitzumachen und mehrmals Abschied zu nehmen. Keiner muss sich sofort entscheiden, wie die Urne aussehen soll. Sie sind so menschlich und sympathisch.
Du hast am Anfang erzählt, dass du als Kind bei den Hutterern den Tod von klein auf kennengelernt hast. Wie gehen die Hutterer mit Sterben und Tod um?
Die Hutterer pflegen noch alte Bräuche wie z. B. das Aufbahren im eigenen Haus. Der oder die Tote wird drei Tage lang aufgebahrt, damit alle Angehörigen und Freunde Abschied nehmen können. Bei der Totenwache wird stundenlang gesungen und erinnert. Die Menschen sitzen um den Toten herum und tauschen Erinnerungen aus. Das ist sehr schön.
Wie läuft eine Beerdigung ab?
Die Beerdigung wird drei Tage lang vorbereitet. Einige Männer messen den Toten aus und bauen dann einen Sarg. Ich durfte bei den Särgen für meine Großeltern mithelfen.
Die Familie muss sich um nichts kümmern. Die Gemeinschaft regelt alles. Der Saal wird vorbereitet und das Essen für manchmal 400 Gäste gekocht. Alle helfen mit, und das Leben steht eine Weile still.
Die Enkel oder Neffen oder Freunde tragen den Sarg. Und die Kinder sind bei allem immer dabei.
Vielen Dank für deine Eindrücke! Viele dieser Bräuche sind in unserer Gesellschaft leider verloren gegangen. Das ist schade, weil es allen Trauernden hilft, den Abschied zu realisieren und noch etwas für den Verstorbenen tun zu dürfen.
Hast du nun einen Job als Bestatter bekommen?
Nein, aber ich wollte es auch nicht. Mir ist klar geworden, dass die Arbeit des Bestatters sehr wichtig ist, und ich könnte es auch tun. Aber ich möchte lieber mit Menschen arbeiten, wenn sie noch leben, aber nahe am Tod sind. Sehr gern möchte ich Sterbeamme werden und Menschen bis zum Tod begleiten. Leider kostet die Ausbildung Geld, und ein sicherer Beruf ist danach nicht garantiert.
Vielen Dank, Jason, für das Gespräch. Ich wünsche dir, dass du die Ausbildung machen kannst. Ich fände es sehr tröstlich, wenn jeder Mensch von einer Hebamme auf der Welt begrüßt und von einer Sterbeamme verabschiedet wird.
Das Interview führte Maren Schamp-Wiebe, Hamburg
Aus: DIE BRÜCKE 3/2026