Abschiednehmen mit allem, was geht

Wie kann ein letzter Dienst am geliebten Menschen aussehen, wenn das Leben zu Ende geht?

Ich darf zwei Berufen nachgehen, die ich nach einem sehr intensiv emotionalen Erlebnis noch dankbarer ausübe als vorher, weil mich das glücklich macht, wie ich dadurch Menschen helfen kann, in ihrer Traurigkeit mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen. Mein erster Beruf ist Krankenschwester, momentan auf einer Palliativstation. Mein zweiter Beruf seit 2021: Pastorin einer kleinen mennonitischen Gemeinde. Beide Berufe übe ich noch heute leidenschaftlich und dankbar parallel aus, und beide Berufe inspirieren mich, wenn ich sie miteinander verknüpfen kann.

Das besondere Erlebnis begann, als ich von der Familie eines schwer erkrankten Gemeindeglieds, das im Koma lag, ins Krankenhaus auf die Intensivstation gerufen wurde. Per Telefon vereinbarten wir, dass wir zusammen einen Krankengottesdienst feiern wollten. „Mit Abendmahl und Krankensalbung?“ fragte ich. „Mit allem, was geht!“ war die Antwort der Ehefrau. Das Pflegepersonal und der Arzt auf der Intensivstation wussten Bescheid über unseren Gottesdienst, alle waren uns freundlich zugetan und störten uns nicht, sprachen mit uns einen guten Moment ab.

Gottesdienst am Bett
Wir begannen unseren Gottesdienst in einer feierlich-traurigen Stimmung, in der noch immer Hoffnung wehte. Wir beteten und sangen und begannen das Abendmahl nach der Krankensalbung. Alles war ganz normal und ruhig. Aber als ich begann, die Einsetzungsworte für das Abendmahl zu sprechen, erhöhten sich plötzlich die Vitalzeichen so drastisch, und die Geräte schlugen laut Alarm. Nach unserem ersten Schrecken erwartete ich, dass gleich alle Pflegekräfte und Ärzte hereinstürmen würden, aber dies blieb dankenswerterweise aus. Wir feierten weiter, und die Werte normalisierten sich wieder. Nach dem Gottesdienst gingen wir einen Tee trinken, und ich wollte mich auch bald verabschieden.

Wir gingen zurück ins Krankenzimmer, und ein Arzt kam zu uns und erzählte, der Zustand des Ehemannes und Vaters habe sich plötzlich so drastisch verschlechtert, dass nur die Maschinen ihn am Leben erhielten. Eine kurze plötzliche Ratlosigkeit entstand. Was ist mit dieser Information anzufangen? Was konkret will der Arzt der Familie sagen? Was erwartete er von ihnen? Ihr Blick ging zu mir, und ich stellte dem Arzt die Frage: „Wenn es Ihre Mutter wäre, was würden Sie tun?“ „Ich würde es nicht verlängern. Die Krankheit hat gesiegt, das Leben ist hier zu Ende, mit oder ohne Geräte.“ Worte, die schmerzen und gleichzeitig für Klarheit sorgen. Es braucht Mut, die Frage stellen zu lassen, Mut, sie zu stellen, und Mut, diese Frage ehrlich zu beantworten. Manchmal braucht es einen Mittler.

Die Familie beriet sich kurz miteinander, und ich unterstützte sie. Dann kamen sie zu der Entscheidung: Weil unsere Liebe zum Ehemann und Vater so groß ist, können wir den empfohlenen Schritt gehen, um noch mehr Leid zu verhüten. Wir können von unserem eigenen Wunsch lassen und anerkennen, dass der Moment gekommen ist, loszulassen. Ein Liebesdienst für den geliebten Menschen, der Kraft und Mut und Unterstützung brauchte. Wir blieben bei ihm, als dieser Mensch ruhig und sanft einschlief, ohne Kampf starb. Ich glaube, wir konnten es ertragen, weil wir spürten, dieser Mensch hatte geahnt, er war an seiner eigenen Grenze angekommen. Ich glaube, er hat den im Gottesdienst vorbereiteten Weg dankbar aufgenommen und ist ihn weitergegangen, und die Familie hat ihn gehen lassen. Mich tröstet dieser Gedanke, und ich denke, die Familie auch.

Rituale des Abschieds
Nun feierten wir eine Aussegnung. Und dann wäre im Krankenhausalltag bald der Moment gewesen, zu gehen. Aber ich erkannte, die Ehefrau konnte nicht loslassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Liebevoll streichelte sie ihren Mann. Nach einer Weile kam mir der Gedanke des Rituals, das die Frauen früher vollzogen, als die Menschen immer zu Hause starben: das Waschen und Kleiden des Verstorbenen. Für uns heute ist das ungewöhnlich, und ich scheute mich, diesen Vorschlag zu machen. In meiner Ausbildung haben wir jeden Toten von Kopf bis Fuß gewaschen und neu gekleidet. Heute waschen wir nur das Nötigste. Jedoch erinnerte ich mich dankbar an die früheren Zeiten, als die Zeit dafür noch da war und es wichtig erschien. Jetzt auf der Intensivstation verstrich die Zeit, und ich bot es der Ehefrau dann doch an. Welche:r Pastor:in kann das schon? Mir war der besondere Umstand bewusst, und ein dankbares Pflichtgefühl durchströmte mich, dieses Angebot machen zu können, zu dürfen.

Die Ehefrau überlegte kurz und sagte: „Das ist das Letzte, was ich für meinen Mann tun kann, ja, das will ich tun.“ Ich ging hinaus und bat um Waschschüssel, Handtücher, ein neues Hemd. Ich erlebte eine Dankbarkeit des Pflegepersonals, die mich sehr berührte, sind es doch meine Berufskollegen. Diese Dankbarkeit rührt daher, dass ich etwas Fast-verloren-Gegangenes mit der Ehefrau tun wollte und sie den Verstorbenen damit ehrte. Wir erleben in unserem Berufsalltag im Krankenhaus häufig eine zu schnelle Verabschiedung oder gar keine Verabschiedung mehr und sind manchmal traurig darüber, denn wir wissen, wie wichtig Rituale sind, die einen durch die Trauer begleiten und tragen. Wir sind fassungslos, weil wir wissen: Rituale mit unseren Toten können wir nicht nachholen.

Gemeinsam tragen
Die aufgeregte, freundlich zugewandte Stimmung der Pflegekräfte und des Arztes auf der Intensivstation machte deutlich, es hat auch etwas mit ihnen zu tun. Es macht zufrieden, ein Teil davon zu sein, wenn ein würdevolles Sterben und Begleiten des Toten und der Familie geschehen können. Diese Menschen machten sich plötzlich Gedanken, was wir alles brauchen könnten, und brachten uns alles herein. Und dann wuschen wir zuerst gemeinsam, Zimtöl strömte durch den Raum. Rasch erkannte ich, die Ehefrau braucht meine Hilfe nicht, ich ließ sie alleine waschen, war nur da. Voller Hingabe und Liebe tat sie diesen Liebesdienst und spürte und begriff durch ihre Hände hindurch – langsam in die Seele eintröpfelnd – den Tod ihres Mannes.

Ahnte ich zuerst nur die Auswirkung durch die angebotene Hilfe, sah ich sie später bestätigt, denn die Ehefrau erzählte immer wieder von diesem Erlebnis, voller Dankbarkeit trotz der Schwere und Traurigkeit. Als ich die Familie um die Erlaubnis für diesen Artikel bat, schrieb sie: „Es war für uns eine hilfreiche Erfahrung. Vielleicht kann der Artikel ja für andere Menschen eine positive Anregung sein.“ In diesem Sinne.

Nadja Schmidtchen
Krankenschwester/Palliativschwester
und Pastorin der LübeckerMennonitengemeinde

Aus: DIE BRÜCKE 3/2026