Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland

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Von Taufe und ökumenischer Spritualität

Auszug aus dem Festvortrag von Fernando Enns zur Feier von 75 Jahren 
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland Magdeburg am 21. März 2023

(…) Eigentlich könnte dieser Dom zu Magdeburg diesen Vortrag halten. Dieser Ort, an dem wir gemeinsam gerade wieder Gottesdienst gefeiert haben, unseren Glauben gemeinsam bekannt haben, uns im Gebet dem Einen Gott zugewandt haben, in Klage und Lob, wo wir uns gemeinsam unter den Segen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes stellen – also all das, was uns im Grunde (!) schon zusammenfügt zu der einen Gemeinde Jesu Christi. Wie können wir dieses Geschenk der Einheit – trotz unserer getrennten Kirchen und Traditionen – sichtbar werden lassen, lautet die Frage heute, wie vor 75 Jahren. Nicht als Selbstzweck, sondern allein, damit wir durch unser „gemeinsames Zeugnis und Dienst“ glaub-würdig (!) werden.

Dieser Dom illustriert auf wunderbare Weise, wo wir herkommen, wie wir geworden sind was wir heute sind, welche Hoffnung wir erinnern, die uns antreibt. „Wer heute den Dom besucht, findet ihn fast immer an irgendeiner Stelle mit Baugerüsten vor. Ein Kathedralbauwerk dieses Ausmaßes ist eine ‚ewige Baustelle‘.“ Eine Jahrtausende dauernde Geschichte von Aufbau und Zerstörung, Umbau und Einreißen von Mauern, Schutz bietend und Ziel von Angriffen. Fragil und stabil zugleich. Symbol eines staatlich geeinten mittelalterlichen Christentums, während der Reformation geplündert, „Altarbildnisse für die insgesamt 46 Seitenaltäre des Domes gingen dabei verloren“. Schließlich „evangelisch“ geworden, „bedeutendster Sakralbau der östlichen Bundesländer“. – All dieser Schmerz und Neuanfang gehören zur Kirchen-Vorgeschichte der ACK in Deutschland. Und erst die Ruinen, durch zwei Weltkriege von Deutschland ausgehend verursacht, spülten den ökumenischen Gedanken – ein Gedanke des Friedens! – in die Kirchenleitungen auch dieses Landes. (…)

Die EINE Taufe

2007 waren viele von uns auch schon hier, an diesem Ort. Ein ganz entscheidendes Ereignis war zu feiern, das praktisch einen Schlussstrich unter Jahrhunderte währende Polemik und gegenseitige Stereotypisierungen setzte: Die gegenseitige Anerkennung der Taufe! Was für Kirchenferne und auch manche kirchennahe „Laien“ eher Erstaunen hervorrief („Wie, ich dachte immer die Taufe verbindet Euch Christ:innen alle miteinander!“) war für Kirchenleitungen und Profi-Ökumeniker:innen ein Meilenstein. Es war eine „wichtige Frucht ökumenischer Bemühungen und Dialoge in den vergangenen 25 Jahren seit der Veröffentlichung der Konvergenztexte zu Taufe, Eucharistie und Amt im Jahr 1982“ (urteilte Konrad Raiser zu Recht). Ausgehend vom gemeinsamen christologischen Bekenntnis wird in der Erklärung ein „Grundeinverständnis über die Taufe“ festgestellt, dass „trotz Unterschieden im Verständnis von der Kirche“ bestehe. – Diese Erklärung stelle einen bedeutsamen Schritt in Richtung auf die volle, sichtbare Gemeinschaft der christlichen Kirchen in Deutschland dar und „verleiht der Zusammenarbeit der Kirchen eine festere geistliche und theologische Grundlage“.21 – Aber nicht alle ACK-Mitgliedskirchen konnten sich der Erklärung anschließen: neben zwei alt-orientalischen Kirchen vor allem auch die Kirchen der (meiner) täuferischen Tradition (Baptisten und Mennoniten, die ausschließlich die Gläubigentaufe praktizieren). Aber wir waren hier, auch um zu signalisieren: Wir haben noch Gesprächsbedarf! – Heute, mehr als 15 Jahre später und nach mehreren international geführten Dialogen ist es m.E. an der Zeit, dieses Baugerüst neu zu besteigen. Wir haben weiter voneinander gelernt, Missverständnisse ausgeräumt, sehen die Eine Taufe in Christus als Band des Friedens.22 Auch wenn wir weiterhin unterschiedliche Tauftheologien und -praktiken vertreten, wollen wir das Getauft-Sein der anderen nicht leugnen. – Womöglich wäre ja das Gedenken an 500 Jahre Täuferbewegung im Jahr 2025, an dem sich die ACK so aktiv beteiligt, ein wunderbarer Anlass!? – Manchmal ist es gut, wenn die Mehrheit voranschreitet.

Ökumenische Spiritualität und Praxis

Vielleicht steht in unserem ökumenischen Dom ja bald auch ein riesiges Taufbecken, „barrierefrei“, groß genug um Babys und Erwachsene darin unterzutauchen. Nahbar auch, um nur ein paar Tropfen des „lebendigen Wassers“ zu spüren. Und als Ort ökumenischer Tauferinnerungsfeiern. Wir brauchen mehr solche Orte, solche Riten, um uns wieder zu finden, auch in einer neu einzuübenden ökumenischen Spiritualität: für die gegenseitige Fußwaschung, damit wir das „Dienen“ in unserer ACK-Satzung nicht verlernen; für die schönen Taizé-Andachten, damit wir in der Stille wieder aufeinander hören; vielleicht auch ökumenische „Beichtstühle“, wo wir gegenseitig unsere Schuld bekennen, wenn wir wieder einmal in unserm eigenen Denken und Handeln die ökumenischen Geschwister – bewusst oder unbewusst – außer acht gelassen haben.

Und der gemeinsame Abendmahlstisch? Leiden wir (Kirchenleitenden) tatsächlich noch unter der Trennung eben an jenem Tisch, der uns doch gerade versöhnen will? Haben wir uns damit abgefunden, dass die sog. „Laien“ es sowieso machen? Oder die gegenseitige Anerkennung der Ämter in der Kirche? Wo legen wir Rechenschaft voreinander ab – z.B. über die Frauenordination? Wo fordern wir Rechenschaft – in ehrlicher Empathie?

Der Deutsche Ökumenische Studienausschuss, neben der Einrichtung der Ökumenischen Centrale (1946 in Frankfurt/Main), das älteste Organe der ACK (1950 gegründet), hat in so vielen wertvollen Studien dogmatisch-theologische Fragen erörtert – und geklärt!23 Seine Ergebnisse sind ein reiches Pfund, mit dem wir praktisch wuchern können – und sollten.
Auch und nicht zuletzt im Blick auf eine gemeinsame theologische Ausbildung, da sich die religiöse Pluralität hierzulande schon längst nicht mehr nur in verschiedenen christlichen Konfessionen, sondern in unterschiedlichen Religionen – und Nicht-Glaubenden – niederschlägt.

„Weißt Du, wer ich bin?“ – das ist zur leitenden Fragestellung in der ACK geworden, um gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden und muslimischen Verbänden interreligiöse und antirassistische „Gedanken des Friedens“ zu verbreiten. Wir brauchen mehr davon!

Charta Oecumenica

Zu all diesen ökumenischen Praktiken haben wir uns gemeinsam in der Charta Oecumenica bereits vor 20 Jahren – mit den anderen Kirchen in Europa – „verpflichtet“, während des 1. Ökumenischen Kirchentages 2003 in Berlin: Erinnern Sie sich? Zum Beispiel:
„Wir verpflichten uns, auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens gemeinsam zu handeln, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind und nicht Gründe es Glaubens oder größere Zweckmäßigkeit dem entgegenstehen.“ Oder: „Wir verpflichten uns, jeder Form von Nationalismus entgegenzutreten, die zur Unterdrückung anderer Völker und nationaler Minderheiten führt und uns für gewaltfreie Lösungen einzusetzen“. Oder:
„Wir verpflichten uns die Stellung und Gleichberechtigung der Frauen in allen Lebensbereichen zu stärken sowie die gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft zu fördern.“
Ich stelle mir vor, wie diese Verpflichtungen aus unserer Charta Oecumenica die Wände unseres weiter gebauten Domes schmücken (ganz ähnlich jener großen Holz-Türen, durch die man in das Ökumenische Forum in der HafenCity in Hamburg schreitet) – zur täglichen Erinnerung.(…)

Fernando Enns
Hamburg

Dieser Auszug umfasst 3 von insgesamt 8 Unterpunkten. Der gesamte Festvortrag ist auf den Seiten der ATF zu lesen
https://www.theologie.uni-hamburg.de/einrichtungen/pdf-dateien/festvortrag-ack-enns.pdf

Aus: DIE BRÜCKE 5/2023