Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland

Wie Israel-Palästina meinen Glauben geprägt hat

Persönliche Einsichten von Benjamin Isaak-Krauß

Nach dem Abitur verbrachte ich ein Jahr im israelisch besetzten Westjordanland und lebte und arbeitete bei „Zelt der Völker“, einem palästinensisch-christlichen Friedensprojekt. In dieser Zeit lernte ich viele Dinge: wie man auf offenem Feuer kocht, sich um Hühner kümmert, oder wie rohe Zwiebeln helfen, Tränengas zu vertreiben. Aber die größte und nachhaltigste Lektion betrifft, wie ich Jesus verstehe und ihm nachfolge.

Es waren die palästinensischen Christinnen und Christen, die mir zeigten, dass Bethlehem, Nazareth und Jerusalem reale Orte sind, deren Geschichte Jesus geprägt hat. Sein Leben war von militärischer, wirtschaftlicher und kultureller Unterdrückung gekennzeichnet. Darin ähnelt es der Situation der Palästinenser, die heute in Flüchtlingslagern im Westjordanland oder im Gazastreifen aufwachsen. Damals wie heute führt Ungerechtigkeit zu Ressentiments und Unterdrückung, wodurch eine Spirale der Gewalt und komplexe Muster von Traumatisierung entstehen, aus denen ein Ausweg kaum vorstellbar ist.
Mitten in diese verwundete Welt hinein wird Gott als verwundbares Kind geboren. Die Menschwerdung Gottes an diesem konkreten Ort ist ein Akt der Solidarität mit den Unterdrückten. Er lebte einen anderen Weg vor, für Würde und Freiheit zu kämpfen – einen Weg, der sowohl Opfer als auch Unterdrücker befreit.

Die Nassars, meine palästinensischen lutherischen Gastgeber, lehrten mich, wie Feindesliebe praktisch aussehen kann. Auf einem Felsbrocken, der ursprünglich von israelischen Soldaten als Straßensperre vor ihr Tor gerollt worden war, schrieben sie ihr Manifest: „Wir weigern uns, Feinde zu sein.“
Ich war Zeuge, wie Daher Nassar bewaffnete Siedler, die in sein Land eindrangen, zum Tee einlud, woraufhin sie sich verwirrt zurückzogen. Gleichzeitig weigerten die Nassars sich, ihre Verbindung zum Land und ihren Traum von einer gemeinsamen Zukunft für alle aufzugeben. In ihrer Beharrlichkeit mit der sie neue Bäume pflanzten und Zisternen gruben, schufen sie selbst Fakten, statt nur auf Gerechtigkeit zu warten. Freundlichkeit und Beharrlichkeit gegen Unrecht gehören zusammen als zwei Hände der Gewaltfreiheit.

Die jüdischen und muslimischen Mitglieder des Bereaved Parents Circle lehrten mich auch ein neues Verständnis von Vergebung. Sie alle hatten durch den Konflikt Kinder verloren. In ihrer Trauer kamen sie zusammen und sie erkannten, dass Vergeltung nicht zum Leben führt. Nur Vergebung hat die Kraft, die Menschen von der Bitterkeit zu befreien und für die Befreiung aller zu arbeiten.
Diese lebendigen Steine vor Augen zu haben, half mir, mich ehrlich mit meiner eigenen Verstrickung in diesen Konflikt auseinanderzusetzen. Meine beiden Großväter kämpften in der Wehrmacht und waren damit indirekt an der Ermordung von sechs Millionen Juden in Europa beteiligt. Juden bezeichnen diese Gräueltat als Shoah, ein hebräisches Wort, das „Katastrophe“ bedeutet. Dieses abscheuliche Verbrechen gegen die Menschheit stellt den Höhepunkt von fast zwei Jahrtausenden der Entmenschlichung und des Terrors gegenüber den Juden dar.

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Gewalt vor allem von Christen verübt wurde. Von Christen aus den Völkern, die vergessen haben, dass sie aus Gnade in Gottes Volk aufgenommen wurden.
Der Antisemitismus ist das Trauma, das die Notwendigkeit eines jüdischen Staates begründet hat. Doch dieser Staat wurde nicht in einem „leerem Land“ gegründet, wie die gängige koloniale Floskel lautet, sondern durch die Vertreibung von Hunderttausenden von Palästinensern, deren Kinder und Enkelkinder noch immer als staatenlose Flüchtlinge auf der ganzen Welt leben. Die Palästinenser bezeichnen dies als die „Nakba“ – arabisch für „Katastrophe“.

Diese beiden Katastrophen sind die grundlegenden Wunden der beiden Völker, und wie es bei Wunden üblich ist, schenken wir unseren eigenen Wunden gewöhnlich mehr Aufmerksamkeit.
In Gesprächen mit israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten konnte ich lernen, dass das Eingeständnis meiner Verstrickung in die Gewalt mich nicht unrein macht. Stattdessen eröffnete es Gespräche darüber, wie Buße und Versöhnung aussehen können.
Diese Aktivisten erzählten von ihrer langsamen und schmerzhaften Erkenntnis, dass sie von ihrer Gesellschaft belogen worden waren. Während die Shoah in der israelischen Bildung ein zentrales Thema war, hatten sie nie etwas über die Nakba gelernt. In den palästinensischen Schulen hingegen wurden die Zionisten nur als Kolonisator:innen dargestellt, während man ihnen verschwieg, dass sie vor der genozidalen Gewalt in Europa geflohen waren.

Von diesen Friedensaktivist:innen lernte ich, wie wichtig es ist, unsere Geschichten zu teilen und zuzulassen, dass die Wahrheit der anderen uns verunsichert. Wenn wir uns für einen gerechten und dauerhaften Frieden zwischen Jordanfluss und Mittelmeer einsetzen wollen, müssen wir sowohl von unserem tief verwurzelten Antisemitismus als auch von unserer kolonialen Vorstellungskraft umkehren und ihren Erscheinungsformen in unseren heutigen Gesellschaften widerstehen.
Inmitten der seit dem 7. Oktober wieder eskalierenden Gewaltspiralen halte ich mir ein Bild vor Augen, das mir Hoffnung gibt. Jedes Jahr luden die Nassars Menschen in den Weinberg ein, um bei der Ernte zu helfen und ein gewaltfreies Zeichen gegen die Gewalt der Siedler zu setzen. Ich erinnere mich, wie ich zusammen mit Dutzenden von Freiwilligen aus der ganzen Welt – darunter auch einige Israelis – eimerweise die süßesten Trauben erntete, die ich je gegessen habe.

Sowohl die Israelis als auch meine palästinensischen Gastgeber gingen bei dieser Begegnung erhebliche Risiken ein. Auf beiden Seiten gibt es Menschen, die jede Form des Zusammenlebens ablehnen. Doch sie gingen das Risiko bewusst ein, weil sie davon überzeugt waren, dass Frieden vertrauensvolle und solidarische Beziehungen braucht. Beziehungen, die nur mit der Zeit und durch gemeinsame Arbeit wachsen.
Die Freude über diese Ernte und das Festmahl mit Hummus, Oliven und Falafel in der Mittagspause ist zu einem Vorgeschmack auf den Schalom Gottes geworden, nach dem ich mich sehne und für den ich arbeite.

Benjamin Isaak-Krauß, Frankfurt
aus: Die Brücke 2/2024