Friedensbildung beginnt im Sandkasten

Schon im Alltag der Kleinsten kann Frieden eingeübt und thematisiert werden

Vor mir spielen Kinder im Sandkasten. Meine Freundin kommt hier gerne mit ihrer Dreijährigen her. Die Vögel zwitschern, es ist Sommer und so friedlich hier. Ihre Tochter (sagen wir, sie heißt Clara) hat mehrere kleine Sandförmchen dabei und backt Sandkuchen. Bald kommt ein weiteres Mädchen und fragt, ob sie mitmachen kann. Clara nickt lächelnd. Ein wenig später kommt eine weitere Familie dazu, mit einem Mädchen in blauem Kleidchen. Zunächst klettert sie die Sprossen eines Klettergerüstes hinauf und stößt mehrere andere Kinder, die ihr im Weg sind, auf die Seite. Die Kinder beginnen zu weinen. Die Mutter des Mädchens kommt dazu und sagt zu den Kindern, ihr müsst sie einfach lassen, sie ist gerne schnell ganz oben und sie möchte nicht gerne warten. Oben angekommen strahlt das Mädchen und klettert schnell wieder hinunter zur nächsten Aktion. Da fallen ihr die Förmchen von Clara auf. Sie kommt herüber und sammelt alle Förmchen eins nach dem anderen auf, dann nimmt sie auch Clara ihr Förmchen aus der Hand und geht damit in eine andere Ecke um zu spielen. Clara rennt weinend zu ihrer Mutter und meine Freundin fragt, ob die junge Frau ihre Tochter bitten möchte, die Förmchen zurückbringen. Diese erwidert: „Warten Sie nur eine Weile, bis Lia fertig ist mit den Förmchen, ihre Tochter kann ja in der Zeit etwas anderes mit Ihnen spielen. Als Eltern ist uns wichtig, dass Lias Bedürfnisse ernst genommen werden.“

Was lernt dieses Kind Lia wohl darüber, wie Beziehungen funktionieren und wie wir mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgehen? Im Nachhinein frage ich mich leicht schmunzelnd, ob wohl auch einmal ein kleiner Donald T. in einem solchen Sandkasten gesessen hat und wie das aussah. Was sind Werte, die wir Kindern vermitteln wollen? Vielleicht haben wir in Zeiten, in denen Selbstverwirklichung en vogue ist, noch andere Werte (Tugenden) wie Geduld, Respekt oder Toleranz nicht mehr auf dem Schirm. Ist es mir in einem Konflikt wichtiger zu bekommen, was mein Recht ist (Resolution), oder die Beziehung weiterzubauen (Transformation)? Mir hilft es, mich an der Bibel auszurichten an Jesu Handeln. Er lädt immer wieder Menschen ein, die irgendwo falsch abgebogen sind und isst mit ihnen. Er hat Tischgemeinschaft mit ihnen und baut Beziehung. Menschen wollen nach diesen Begegnungen anders mit ihrem Umfeld umgehen, weil Jesus sie sieht.

Wir können nicht alles bekommen, was wir möchten. Nicht jedes Sandförmchen ist es wert einen Streit zu beginnen. Und doch! Wollen wir wie in dem Beispiel den Erziehungsstil von Lias Mutter unterstützen und sie demütig machen lassen? In der Hoffnung, dass sie so bald nicht mehr auf den Spielplatz kommt? Oder laden wir sie vielleicht einfach zum Grillen ein, mit ein paar anderen befreundeten Familien und ihren Kindern. Um ins Gespräch zu kommen auf eine gute Weise. Um sich kennenzulernen. Manchmal öffnet so etwas einen Gesprächsraum, der anders nicht möglich gewesen wäre. Und manchmal nicht. Den Versuch ist es wert.
Erziehung macht einen Unterschied! Die Erziehung in diesen jungen Jahren formt zu einem guten Teil, wer wir werden. Was bringen wir unseren Kindern bei? Was bringen wir unseren Enkeln bei? Ich kann mich an juwe Freizeiten erinnern, bei denen viele nicht bei den Mennoniten aufgewachsen waren. Einmal abends haben wir als Jugendliche auch darüber gesprochen, was denn der Unterschied zwischen den „Mennos“ und anderen Gemeinden sei. „Die Mennos sind halt Pazifisten“, hat einer gesagt. „Gab früher halt welche, die sind dann nicht in den Krieg gegangen, aber ist heute auch nicht mehr so.” „Ja, ich bin auch in der Menno-Gemeinde und beim Bund.”

Das Friedenszeugnis also reduziert auf die Wehrdienstfrage. An diesem Abend kamen wir nicht weiter zu dem „Wofür“ Mennoniten eigentlich stehen, nur was sie eigentlich nicht unterstützten beim Thema Frieden. Letzten Sommer haben viele Kinder von einer ganz hervorragenden juwe-Initiative profitiert, die Grundpfeiler der Mennoniten auch auf Freizeiten anzusprechen. Auch was unser Friedenszeugnis denn eigentlich bedeutet. Wenn wir mit unseren Kindern auch darüber ins Gespräch kommen, was es eigentlich bedeutet sich für Frieden einzusetzen, können Kinder auch beginnen sich damit auseinanderzusetzen und sich eine Meinung bilden.
Friedensbildung kann schon bei den ganz Kleinen beginnen. Dieses Jahr hat die Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg ihr 10-jähriges Bestehen gefeiert und auf Einladung von Volker Haury, der an der Gründung damals beteiligt war, konnte ich diesen besonderen Tag mitfeiern. Die Grundlage der Friedensbildung ist dabei die Friedenspädagogik, die sich mit Frieden, Gerechtigkeit und Krieg befasst.

Dieses Ziel lässt sich dabei in drei Teilziele untergliedern: 1.Vermittlung von Friedenskompetenz, 2.Anleitung zur Erlangung von Friedensfähigkeit, 3.Anleitung zum Friedenshandeln. Für diese Zielsetzung hat die Servicestelle BW Kinderbücher ausgestellt und auf der Website www.friedensbildung-bw.de
gibt es Handreichungen mit Unterrichtsmaterialien

Die lutherische Landeskirche in Sachsen definiert die Friedenspädagogik dabei wie folgt: „Ziele der Friedenspädagogik sind: Chancengleichheit, Partizipation, Vermittlung von Werten auf Grundlage der Menschenrechte, Analyse von Situationen in Bezug auf Frieden und Krieg, Schutzverantwortung, Abbau von Stereotypen und Vorurteilen, Konfliktfähigkeit, Engagement in praktischer Arbeit für Frieden“.
Gibt es eigentlich Kinderbücher auf Grundlage von christlicher Friedenstheologie? Spontan fallen mir nicht so viele mit christlichem Bezug ein und die Alphabuchhandlung, die ich anrief, hatte auf Anhieb auch keine gute Idee. Vielleicht wäre das eine zu füllende Lücke?

Im amerikanischen Raum gibt es da die Kinderbibel „The peace table“. Zwölf Friedenswege ermutigen Kinder, die Art und Weise zu erkunden, wie Friedensthemen im Alten und Neuen Testament gewebt werden. Ein Ressourcenabschnitt enthält Ideen, wie man Frieden mit Gott, sich selbst, anderen und der Schöpfung erleben kann, sowie Karten, Hintergrundinformationen zur Bibel, interaktive Möglichkeiten zum Beten und Gebete für viele Gelegenheiten. Aber auch andere Bücher wie „The Peace Book“ (Chrissie Muecke, Jasmin Pittman Morrell und Teresa Kim Pecinovsky ) aus dem hier ein Ausschnitt übersetzt ist, beschäftigt sich damit wie man als Kind ganz praktisch „friedenstüchtig“ sein kann.

Frieden bedeutet, das Wasser für alle Fische blau zu halten.
Frieden bedeutet, sich zu entschuldigen, wenn man jemanden verletzt hat.
Frieden bedeutet, deinem Nachbarn zu helfen.
Frieden bedeutet, eine Mahlzeit zu teilen.
Frieden bedeutet, dass jeder ein Zuhause hat.
Frieden bedeutet, einen Garten anzulegen
Frieden bedeutet, eine andere Sprache zu lernen.

Mennonitische Friedensbildung besonders bei den Kleinsten, bei den eigenen Kindern oder auch den Enkeln ist etwas, bei dem wir ganz praktisch an einer friedlicheren Welt mitbauen können. Dass dieses Thema mehr und mehr Beachtung bekommt, begeistert mich.

Johanna Star Landes
DMFK

Erschien in DIE BRÜCKE 2/2026