Gemeinsam unterwegs in Gottes Mission

Mennoniten und Mission – vier Texte, ein gemeinsames Bild

Immer wieder stellt sich in unseren Gemeinden die Frage nach der Mission. Was heißt das eigentlich „missionarisch sein“? Wie sieht ein mennonitisches Missionsverständnis heute aus? Wer auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden (AMG) nach Antworten sucht, findet dort zurzeit gleich vier Dokumente nebeneinander: die Missionsverständnisse der drei Regionalverbände ASM, VDM und VdM – und das Missionsverständnis des Deutschen Mennonitischen Missionskomitees (DMMK), des gemeinsamen Missionswerkes der AMG.

Alle vier Texte stehen heute parallel im Netz und repräsentieren damit nach außen, wie „Mennoniten und Mission“ zusammengehören. Was sagen sie? Wo begegnen sie sich – und worin setzen sie unterschiedliche Akzente? Ein Versuch einer Gegenüberstellung und eines Blicks auf das Gemeinsame.

Vier Stimmen – ein Thema
Die vier Missionsverständnisse sind in verschiedenen Zusammenhängen entstanden, und das spürt man. Die drei Regionalverbände sprechen aus der Perspektive der Gemeinden vor Ort, das DMMK aus der Rolle eines Missionswerkes, das den Gemeinden dienen möchte.

Die VDM beschreibt Mission in der großen Bewegung der weltweiten Kirche. Sie spricht von gemeinsamem Lernen mit Christinnen und Christen aus anderen Ländern und Kulturen, vom Bekennen im Dialog mit Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen und vom solidarischen Teilen von Ressourcen, Macht und Bildung. Mission erscheint als Weg, den man zusammen mit anderen geht, nicht als fertiges Produkt, das man anderen bringt.

Die ASM formuliert ihr Missionsverständnis in klaren Sätzen und Thesen, theologisch dicht, mit einem starken friedenskirchlichen Ton. Manche Formulierungen erinnern an die VDM, aber der Text schärft eigene Linien: Mission als dialogisches Zeugnis, das die Freiheit des Gegenübers achtet, als untrennbar verbundene Einheit von Evangeliumsverkündigung und Friedens- und Gerechtigkeitsengagement.

Der VdM richtet den Blick besonders auf die Gemeindeentwicklung. Mission heißt hier: Gemeinden helfen, lebendig und einladend zu sein, als „Kontrastgesellschaft“ zu leben und kreative Formen zu finden, wie das Evangelium im konkreten Umfeld sichtbar wird – im Gottesdienst, im Miteinander, im Einsatz für andere.
Das DMMK schließlich beschreibt sich selbst als „Werkzeug für Mission im In- und Ausland“ der mennonitischen Gemeinden. Sein Text ist knapper und profilierter formuliert, mit einer klaren Vision: „Mit Christus die Welt verwandeln.“ Mission wird hier stark als evangelistischer Auftrag verstanden mit dem Ziel, Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern Jesu zu machen und Gemeindegründung zu fördern.

Vier Texte, vier Perspektiven – und doch geht es immer um dasselbe: Wie nehmen wir heute als mennonitische Gemeinden an Gottes Mission teil?

Mission als Teilnahme an Gottes Handeln
Über alle Unterschiede hinweg teilen die vier Texte eine erstaunlich breite gemeinsame Basis.
Zunächst einmal beginnt Mission überall bei Gott selbst. Mission ist nicht in erster Linie unser Programm, sondern Teil von Gottes Bewegung auf diese Welt zu. Gott sucht Versöhnung, er sendet Christus, er sendet seine Gemeinde. Die Texte sprechen in unterschiedlichen Worten davon, dass wir an dieser „missio Dei“ Anteil bekommen: als „Botschafterinnen und Botschafter der Versöhnung“, als Lernende in der weltweiten Kirche, als Gemeinden, die sich senden lassen.

Damit verbunden ist die starke christologische Verankerung. Jesus Christus steht im Zentrum: seine Menschwerdung, sein Leben, sein Weg ans Kreuz, seine Auferstehung, seine Einladung zur Nachfolge. Mission heißt, von dieser Hoffnung zu erzählen; Menschen einzuladen, Christus zu vertrauen; Räume zu öffnen, in denen ein Weg der Jüngerschaft wachsen kann. Das DMMK sagt das sehr deutlich mit dem Auftrag „Macht zu Jüngern“, aber auch die anderen Texte leben von diesem Grundton, selbst dort, wo er nicht so pointiert formuliert ist.
Gemeinsam ist den Missionsverständnissen auch ein ganzheitlicher Blick. Niemand reduziert Mission auf fromme Veranstaltungen oder ausschließlich auf das „Seelenheil“. Überall schwingt mit: Das Evangelium will das ganze Leben berühren. Es geht um das Reich Gottes, das mitten im Alltag Gestalt gewinnt, dort, wo Menschen heil werden, wo Beziehungen versöhnt werden, wo Gerechtigkeit wächst und Schöpfung bewahrt wird.

Die VDM spricht von Versöhnung und Heilung in gebrochenen Lebenszusammenhängen, ASM und VDM verbinden das Evangelium ausdrücklich mit Friedensdienst, Gerechtigkeit und politischer Verantwortung. Der VdM beschreibt die Gemeinde als Ort gelebter Alternative, und das DMMK träumt von einer „verwandelt(en) Welt mit Christus“. Die Sprache ist verschieden, die Richtung dieselbe: Mission ist mehr als Werbung für den Glauben, sie ist eine Lebensweise im Horizont des Reiches Gottes.

Und schließlich betonen alle vier Texte die Rolle der Gemeinde. Mission ist nicht ein Spezialgebiet von Profis, sondern Auftrag der ganzen Gemeinde Jesu. Die Regionalverbände beschreiben, wie sie Gemeinden begleiten, beraten, vernetzen, befähigen. Das DMMK versteht sich ausdrücklich als Werkzeug der Gemeinden, nicht als Konkurrenz.

Mission geschieht darum in vielen Formen. Wenn Gemeinden beten und feiern, wenn sie neue Formen der Nachbarschaftsarbeit ausprobieren, wenn sie sich für Arme und Geflüchtete engagieren, wenn sie in internationale Partnerschaften investieren, wenn einzelne im Alltag „Rechenschaft von der Hoffnung“ geben, die in ihnen ist. Alle vier Texte sind sich darin einig: Gemeinde ist der wichtigste Ort, an dem Mission heute Gestalt gewinnt.

Kontextsensibel und friedenskirchlich
Ein weiterer gemeinsamer Faden ist die Sensibilität für Kontext und Kultur. Die VDM entfaltet das ausführlich: Das Evangelium ist nicht an eine bestimmte Kultur gebunden, sondern sucht in jeder Kultur Anknüpfungspunkte – und stellt zugleich alle Kulturen kritisch in Frage, auch die eigene. Mission bedeutet darum auch, die eigenen Selbstverständlichkeiten zu prüfen und sich von Geschwistern aus anderen Kontexten korrigieren und bereichern zu lassen.

Die ASM knüpft daran an und spricht davon, wie wichtig es ist, im jeweiligen Umfeld genau hinzuschauen, zuzuhören, Brücken zu bauen. Mission versteht sie als „informativ und einladend“, nicht als Überstülpen fertiger Muster. Auch VdM und DMMK setzen auf kontextbezogenes Handeln: Gemeinden sollen ihre Gaben und Möglichkeiten vor Ort entdecken, das DMMK möchte sie darin stärken, in ihren je eigenen Umfeldern missionarisch präsent zu sein.

Eng mit dieser Kontextsensibilität verbunden ist die friedenskirchliche Prägung aller vier Texte. Die täuferische Tradition wird nicht nur gelegentlich erwähnt, sondern prägt das Missionsverständnis inhaltlich.

Bei ASM und VDM ist das besonders deutlich. Sie sprechen von Kriegsdienstverweigerung und Friedensdiensten, vom Einsatz für Gerechtigkeit, von der Bewahrung der Schöpfung. Mission ist hier untrennbar verknüpft mit dem Versuch, Gewalt zu überwinden, Konflikte gewaltfrei zu bearbeiten und Menschen in Situationen von Unrecht und Not beizustehen. Auch in der Frage, wie Zeugnis gegeben wird, spielt Gewaltfreiheit eine Rolle: Einige Formulierungen betonen ausdrücklich, dass jede Form von Druck – auch „subtile“ – vermieden werden soll.
Der VdM fasst diesen Geist im Bild der „Kontrastgesellschaft“: Gemeinde als Gemeinschaft, in der andere Haltungen eingeübt werden – Vergebung statt Rache, Teilen statt Horten, Gespräch statt Gewalt. Dort, wo Menschen so miteinander leben, wird Mission sichtbar, auch ohne große Worte.

Das DMMK nimmt diese Linie kürzer, aber spürbar auf, wenn es von Versöhnung und Reich Gottes spricht und davon, dass die Gute Nachricht auch gesellschaftliche Veränderung im Blick hat. In allen vier Texten wird klar: Wer von Mission spricht, muss auch von Frieden reden.

Feine Unterschiede – ergänzende Akzente
Trotz dieser gemeinsamen Basis setzen die vier Missionsverständnisse durchaus unterschiedliche Schwerpunkte. Es lohnt sich, diese feinen Unterschiede wahrzunehmen. Weniger, um sie gegeneinander auszuspielen, als um ihr Ergänzungspotential zu entdecken.

Das DMMK-Profil liegt klar auf Evangelisation und Gemeindegründung. Der Text erzählt von Gottes Mission und Versöhnung, aber er spitzt zu: Mission will Menschen in die Nachfolge Jesu rufen; Gemeinden sollen neu entdecken, dass sie gesandt sind; es braucht Initiativen, um neue Gemeinschaften des Glaubens zu gründen. Wer dieses Missionsverständnis liest, spürt: Hier spricht ein Werk, das die Gemeinden ermutigen will, das Evangelium mutig zu sagen und neue Wege zu wagen.

Der VdM dagegen schaut stark auf die innere Gestalt der Gemeinden. Mission heißt hier: die Gemeinden unterstützen, damit sie Orte werden (oder bleiben), an denen Menschen Heimat finden, wachsen, ihre Gaben entdecken, miteinander leben lernen. Evangelisation taucht auf, aber immer eingebettet in Gemeindeaufbau, diakonischen Einsatz und eine Kultur der gewaltfreien Konfliktlösung. Wer diesen Text liest, hat vielleicht mehr das Bild der „starken, gesunden Gemeinde“ vor Augen als die einzelne missionarische Aktion.

VDM und ASM nehmen die Lern- und Dialogdimension besonders ernst. Sie betonen die weltweite ökumenische Gemeinschaft, das gemeinsame Suchen nach dem, was das Evangelium in konkreten Situationen bedeutet, und das Gespräch mit Menschen anderer religiöser und weltanschaulicher Überzeugungen. Mission ist hier nicht das Senden fertiger Antworten, sondern das mutige, ehrliche Bekennen der eigenen Hoffnung im Respekt vor der Freiheit der anderen, verbunden mit einem sensiblen Gespür für Machtfragen und mögliche Grenzüberschreitungen.

Gleichzeitig setzen diese beiden Texte den leidenschaftlichsten Akzent auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Sie sagen nicht nur: „Auch das gehört dazu“, sondern verankern diese Dimensionen im Kern des Missionsverständnisses. Verkündigung, Diakonie und Friedensarbeit werden nicht getrennt, sondern als verschiedene Ausdrucksformen derselben guten Nachricht verstanden.

Schaut man alle vier Texte nebeneinander an, entsteht so etwas wie eine kleine Landkarte: Hier die Linie, die Mission evangelistisch und gemeindegründend schärft; dort die Linie, die Gemeindeaufbau in den Mittelpunkt rückt; dazu die Linie, die weltweites Lernen, Dialog und Solidarität betont; und alles durchzogen von dem roten Faden der friedenskirchlichen Berufung.

Was sagen die vier Texte über uns?
Dass diese vier Missionsverständnisse heute nebeneinander auf der AMG-Seite stehen, ist kein Zufall – und auch kein Problem, das „bereinigt“ werden müsste. Es zeigt vielmehr ein Stück mennonitischer Realität: Wir sind eine Gemeinschaft, die nicht nur eine einzige Formulierung zulässt. Wir leben mit unterschiedlichen Profilen, regionalen Traditionen, sprachlichen Stilen, und doch mit einer klaren gemeinsamen Mitte.

Wer die Texte liest, kann sich fragen: In welchem finde ich oder findet unsere Gemeinde sich am ehesten wieder? Wo kommen wir her, worauf reagieren wir allergisch, was spricht uns besonders an? Und vielleicht noch wichtiger: Was können wir von den anderen Perspektiven lernen?

Die evangelistische Klarheit des DMMK erinnert daran, dass Mission mehr ist als gute Strukturen. Die gemeindeaufbauende Sicht des VdM schützt davor, Mission auf einzelne Projekte zu reduzieren. Die Lern- und Dialogperspektive von VDM und ASM bewahrt vor Besserwisserei und lädt ein, Mission mit offenen Augen und Ohren zu leben. Die friedenskirchlichen Akzente machen deutlich, dass unser Zeugnis unglaubwürdig wird, wenn wir zur Gewaltfrage schweigen.

Wer „Mennoniten und Mission“ heute zusammendenkt, kann die vier Missionsverständnisse deshalb als Schatz verstehen: nicht als vier konkurrierende Programme, sondern als vier Stimmen in einem Chor. Gemeinsam zeichnen sie ein Bild von Mission als Teilnahme an Gottes Handeln, als Weg der Nachfolge, als gelebtes Friedenszeugnis und als gute Nachricht, die Menschen einlädt und ermutigt – hier und weltweit.

Benji Wiebe
Eisenberg (Pfalz)

Aus: DIE BRÜCKE 1/2026