Russland-Mennoniten und das Dritte Reich

Wer Zukunft will, muss die Wahrheit der Vergangenheit aushalten

500 Jahre Täufertum. Überall in Europa feiern die Nachfahren der ersten Täufer. Auch in Deutschland und Österreich. Erinnerungen werden wach, historische Bezüge deutlich. Es gibt viel zu erforschen, viel zu feiern. Und das ist gut so.

Aber historische Rückblicke sollten sich nicht nur entlang von positiven Erfahrungen bewegen. Es sind auch Momente der Besinnung, Reflexion der Entgleisungen und Fehltritte. Gab es diese auch bei den Täufern? Und ob, schließlich waren auch sie nur Menschen. Und wie sagte es da einer ihrer Führer, Menno Simons (1496–1561): „Es ist schrecklich in die Hände der Menschen zu fallen.“ Er bezog sich hierbei auf die Beschlüsse der Ältesten von Wismar in Sachen Bann und Gemeindezucht, die er nur unter dem Druck der Brüder akzeptierte. Die Folgen in den Gemeinden waren katastrophal.

Gemenschelt hat es unter den Täufer immer wieder. Der russlanddeutsche mennonitische Historiker Peter M. Friesen sprach in seiner 1911 verlegten Geschichte der Mennoniten in Russland gar von einem „furor Mennonicus“, einem Spaltbazillus, der vor allem die Leitung der Gemeinden befalle. Schnell wurden hier eigene Positionen und Meinungen für den göttlichen Willen erklärt, und was folgte war unendlicher Streit. Leider verstanden es die Täufer nur selten ihre Fehler zu zugeben und Buße zu tun. Stattdessen spaltete man sich lieber von den „Fehlerbelasteten“ ab und gründete eine nächste Täuferkirche. Die schwierige Vergangenheit wurde dagegen verschwiegen.

So auch in diesem Jahr. Bei den vielen Symposien zum Jubiläumsjahr finde ich nur wenig kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Entgleisungen. Kaum ein Wort zu dem mennonitischen Selbstschutz im Russischen Bürgerkrieg (1918-1922). Da nahmen die „friedliebenden“ Mennoniten anlässlich der tödlichen Gefahr, die von den Anarchisten Nestor Machnos (1888-1934) und seinen Banden ausging, Waffen in die Hand, leisteten erbitterten Widerstand und verloren Hunderte ihrer Leute. Machno hatte viele Jahre als Knecht unter den reichen Mennoniten gearbeitet und hasste sie für all die soziale Ungerechtigkeit, die sie ihm angetan hatten. In den Wirren des Bürgerkriegs überfiel er im Raum Nikopol dann die Dörfer der Mennoniten und tötete viele von ihnen.

Besonders bekannt wurde die Exekution der Mitarbeiter der von Jakob Dyck gegründeten „Russischen Zeltmission“ in der auch viele Mennoniten mitarbeiteten. Zugleich fanden sich aber auch Mennoniten in den Reihen der Machnowzen. Während mennonitische Historiker gerne über die Gräuel Machnos lamentieren, verschweigen sie den Selbstschutz und auch die Teilnahme ihrer Brüder am Gemetzel der Anarchisten.
Noch problematischer erscheint mir das Verschweigen des Verhaltens der Mennoniten im Nationalsozialismus (1933-1945). Hier ist zwar seit den 1970er Jahren in Deutschland, Paraguay, Kanada und den USA einiges an Aufklärung gelaufen, aber die Mennoniten aus Russland haben sich immer wieder eher bedeckt gehalten. So auch jetzt im Jubiläumsjahr. Eingezwängt zwischen Stalin auf der einen und Hitler auf der anderen Seite, hielten sie sich eher für Opfer des Zweiten Weltkrieges und all der Gräuel des Nationalsozialismus. Immerhin verloren Zehntausende ihr Leben in den Arbeitslagern Stalins und das nur weil sie deutschstämmig waren.

Unter den vielen waren auch meine Großväter. Aber die Mennoniten wurden nicht nur deportiert, gefoltert und letztlich umgebracht. Da wo sie unter die deutsche Besatzung kamen, mutierten sie selbst immer wieder zu Tätern. Ihre Geschichte ist alles andere als einfach und es scheint an der Zeit, dass sie aufgeschrieben wird. Das Täuferjahr bietet hierzu einen guten Anlass.

Heilung der Erinnerung

Mennoniten weltweit sind heute sehr bemüht, gut-nachbarschaftliche Beziehungen zu anderen Kirchen aufzubauen. Fernando Enns, der sich wesentlich für den ökumenischen Dialog einsetzt, weist daraufhin, wie wichtig hierbei die Heilung der Erinnerungen ist. Auf dem Weg zur gemeinsamen Zukunft, muss die eigene Vergangenheit erkannt, bekannt und geklärt werden.

Gerade jetzt, wo nur noch wenige von den russländischen Mennoniten sich an die Ereignisse des Dritten Reiches und seiner Verbrechen erinnern können. Und eine wesentliche Minderheit dieser Mennoniten, die nach dem Krieg auch im Westen als Opfer bedauert wurde, entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Täter, die dem Naziregime nicht nur zugejubelt haben, sondern gegebenenfalls selbst aktiv wurden.

Sehr gut beschreibt der Historiker Ben Goossen die Situation solcher Menschen in seiner Darstellung des Lebens des aus der Ukraine stammenden Heinrich Hamm. Nach dem Krieg als Mitarbeiter vom Mennonitischen Central Committee (MCC) aktiv, verschwieg der Mann erfolgreich seine national-sozialistische Gesinnung nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern auch seiner eigenen Familie. Und das MCC schien ihn wie viele andere Russlandmennoniten, die sich mit den Nazis einließen, darin zu schützen und zu fördern.

Ben Goossen beschreibt auch die Arbeit von Todesschwadronen der SS im Mennonitischen Gebiet in der Chortiza Kolonie. Die überaus positiven Berichte der SS Truppe an ihre Vorgesetzten stellen die lokalen Mennoniten als überaus willige Helfershelfer der Truppe dar, die ihre jüdischen Nachbarn verrieten und sogar selbst an den Erschießungen teilnahmen. Allerdings lassen sich die wenigsten dieser Berichte historisch belegen. Die Nazi-Quellen allein stellen eher fragwürdige Dokumente dar.

Ähnlich sah die Lage wohl auch in den besetzten Gebieten an der Molotschna/Halbstadt aus. Arnold Neufeld-Fast wertete eine Reihe von Lebensberichten von Russlandmennoniten auf dem Hintergrund von Darstellungen aus der Feder der Besatzer aus.

Im Oktober 1942 besuchte Heinrich Himmler, der SS Führer, Halbstadt und damit die Mennonitische Kolonie an der Molotschna. Am Ort wurde er begeistert von den Siedlern empfangen. Von einer wie auch immer gearteten Zurückhaltung der mennonitischen Bevölkerung konnte da keine Rede sein. Die Ermordung tausender Juden im mennonitischen Gebiet wurden danach von den Mennoniten hingenommen. Einzelne Mennoniten haben wohl auch persönlich an den Erschießungen teilgenommen.

Freilich, inwieweit diese Personen aber wirklich glaubensmäßig Mennoniten waren, oder lediglich mennonitische Namen aufweisen, ist alles andere als eindeutig. In den Jahren des kommunistischen Terrors haben nicht wenige jeden Bezug zum Glauben verloren. Und die kommunistisch-stalinistische Vernichtungsmaschinerie, die sich nicht selten der Juden bediente, und besonders in den Jahren 1937-1938 wütete, hat manch ein Herz mit Hass gefüllt. Die Nazi-Propaganda bediente diese Gefühle, schob die Schuld für alles Leid der Deutschen Siedler in der Sowjetunion den Juden in die Schuhe. Sie seien die eigentlichen Kommunisten-Biester des Landes. Zugleich aber wurden die Volksdeutschen als die wahren Träger der deutschen Rasse gepriesen.

So entstand ein fruchtbarer Boden für potenzielle Abneigung mancher Mennoniten den Juden gegenüber und möglicherweise auch für die Beteiligung an den Verbrechen der Nazis. Der Verdacht liegt jedenfalls nahe, dass eine kritische Minderheit von Mennoniten in der Sowjetunion am Holocaust aktiv beteiligt war und das Schweigen der in den Westen geflohener Mennoniten erhärtet die Vermutung, dass die Weste „friedvoller“ Mennoniten nicht ganz so sauber geblieben ist wie es die Opfer-Rhetorik nach dem Zweiten Weltkrieg suggerierte.


Der Blick auf die eigene Zukunft

Russland-Mennoniten sollten sich durchringen zu ihrer eigenen Vergangenheit zu stehen. Nur wer diese kennt und akzeptiert, kann letztlich eine Zukunft haben, äußerte einmal der bekannte mennonitische Missionswissenschaftler Hans Kasdorf.

Ich persönlich habe das gerade im Bezug auf die Juden sehr persönlich erlebt. In den 80er Jahren wurde ich eingeladen, mit einer Delegation der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) nach Israel zu reisen und hier in der Knesset um Vergebung für all das Leid, das wir, Deutschen ihnen angetan haben, zu bitten.

Zugegeben, ich war über diese Einladung mehr als erstaunt. Was hatte ich, ein Russlanddeutscher Christ mit dem Holocaust zu tun? Meine Eltern wurden 1941 in Viehwagons aus ihrer kaukasischen Heimat nach Sibirien deportiert. Beide Großväter starben noch im gleichen Jahr in den Gulags von Stalin im Ural und ich selbst wurde 1955 in einem Erdloch in Sibirien geboren, nur um gleich nach meiner Geburt zu 25 Jahren Verbannung verurteilt zu werden. Unser einziges Verbrechen war die deutsche Abstammung. Später als Student erfuhr ich, dass hinter vielen dieser Urteile sowjetische Juden gestanden haben. Nein, wofür sollte ich mich da entschuldigen? Nicht wir haben den Juden Unheil angetan, sondern sie uns. Und was die Reichsdeutschen an Gräuel verübt hatten, das ging mich doch wirklich nicht an.

Aber dann nach einem längeren Zögern, fuhr ich doch nach Israel mit. Und ganz ehrlich, ich entschuldigte mich für mein Volk, die Deutschen. Dieser Akt hat in mir Faszinierendes bewirkt. Mein Herz wurde damals gleich nach unserem Bekenntnis mit so viel Liebe zu den Juden gefüllt. Und ich bemerkte schon bald bei meinen Evangelisationen, wie auf einmal Juden zu Jesus fanden: In Deutschland, Russland, den USA und sogar Südafrika. Nie zuvor hatte ich als Evangelist einen Juden erlebt, der durch meine Verkündigung Jesus gefunden hätte. Jetzt kamen sie regelmäßig zum Glauben. Offensichtlich verstanden wir uns jetzt – ich, der mennonitische Prediger, der Buße für die Verbrechen seines Volkes getan hat und sie, Juden, die ich nun wirklich liebte.

Seitdem bin ich oft in Israel gewesen und ich habe die Juden auch um Vergebung für die Verbrechen meiner Leute, der Russlanddeutschen Mennoniten gebeten. Und sie haben mir ihre Geschichten mit den Mennoniten erzählt und viele, sehr viele dieser Geschichten waren eher positiv. Das hat uns immer mehr zu echten Freunden gemacht, die gemeinsam eine Zukunft betreten.


Johannes Reimer
ist Professor für Missionstheologie und -geschichte und Autor vieler Veröffentlichungen zur Geschichte der Deutschen in Russland.

aus: DIE BRÜCKE 1/2026