Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland

„Die Evangelien stammen aus einer verletzten Welt“

Benjamin Isaak-Krauß im Gespräch mit Luzia Sutter-Rehmann über die Evangelien als Traumaliteratur

Benjamin Isaak-Krauß: Frau Sutter-Rehmann, Ihr neuestes Buch trägt den Titel: „Dämonen und unreine Geister. Die Evangelien, gelesen auf dem Hintergrund von Krieg, Vertreibung und Trauma.“ Wie kamen Sie zu diesem Thema und der Verknüpfung dieser Komplexe?

Luzia Sutter-Rehmann: Die Evangelien erzählen von der Not der Bevölkerung. Die Menschen werden von Dämonen geplagt wie vom Hunger, von Angst und vielen körperlichen Leiden. Ich habe mich gefragt, warum die Texte die Dämonen erwähnen. Was würde fehlen, wenn sie nur von Hunger und Krankheit sprechen würden? Es ist schon so: Wo Dämonen hausen, liegt etwas Bedrohliches in der Luft, ein Schrecken. Das sehen wir auch in den Texten des Ersten Testaments. Da werden Dämonen oft mit Ruinen und Zerstörung zusammen erwähnt. Da die Evangelien kurz nach einem verheerenden Krieg entstanden sind, können wir sagen: die Rede von den Dämonen versucht, etwas von dem Leiden der Bevölkerung dieser Zeit auszudrücken.

Viele Menschen halten Dämonen für einen Aberglauben, andere übersetzen diese Geschichten mit medizinischen Begriffen wie Epilepsie. In Ihrem Buch lehnen Sie beides ab. Wie deuten Sie die Geschichten von Dämonenaustreibungen?

Luzia Sutter-Rehmann: Ich halte medizinische Ferndiagnosen für sehr problematisch. Und das sind ja Ferndiagnosen, wenn wir die in den Texten beschriebenen Leiden nach heutigen Kriterien kategorisieren. Texte sind literarische Produkte, sie beantworten keine medizinischen Frageraster. „Aberglaube“ ist ein schwieriger Begriff, der mit Macht und Ausschluss verbunden ist. Wir können nicht Dinge, die uns Mühe machen, einfach Aberglauben nennen. Da machen wir es uns zu einfach. Die Dämonengeschichten der Evangelien öffnen uns die Augen für Dimensionen, die sich nur schwer in Sprache fassen lassen. Dämonen lese ich als Todesschatten, die auf einem Haus, einer Stadt, einem Land liegen können. Sie zu vertreiben, ist elementar wichtig. Wie sollen Kinder aufwachsen können, wo Hass und Verstörung herrschen?

Sie beschreiben die Evangelien als Traumaliteratur und Nachkriegsliteratur. Was meinen Sie damit?

Vor allem für das Markusevangelium hat es Sinn, es als als Traumaliteratur zu lesen. Es ist das älteste Evangelium, unmittelbar nach den Kriegsjahren (Zerstörung des Tempels 70 nach Christus) entstanden. Die anderen Evangelien haben schon viel mehr Abstand zu den Schrecken. Ihnen fällt es ein wenig leichter, davon zu sprechen.

Traumaliteratur ringt darum, das Nicht-Erzählbare zu erzählen. Das geht eigentlich nicht. Darum bricht der Erzählfaden immer wieder ab und der Schrecken wird umkreist und umkreist, andere Dinge werden erzählt, aber etwas bleibt ungesagt. Auch die Erzähllogik kann durcheinanderkommen, wann etwas geschah oder wo – wie z.B. in der Geschichte vom Gerasener (Mk 5). In der Literaturgeschichte beobachtet man in der Literatur nach einem Krieg gemeinsame Motive wie z.B. das Aufgreifen politischer und moralischer Fragen, die Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung oder auch die Darstellung von berührenden Einzelschicksalen. Wiederaufbau und die Bewältigung der Katastrophe sind natürlich sehr wichtig. Diese Motive finden wir auch in den Evangelien.

In Ihrem Buch gehen Sie immer wieder auf die Art und Weise ein, wie Übersetzungen uns auf eine falsche Spur bringen und schlagen andere Übersetzungsmöglichkeiten vor. So sprechen Sie etwa davon, dass man das Wort „eremos“, das meist mit Wüste oder Wildnis übersetzt wird, mit „Verwüstung“ übersetzen sollte. Wie kommen Sie darauf und welchen Unterschied macht das?

Das ist ein gutes Beispiel. Wenn das Markusevangelium mit einer „Stimme in der Wüste“ beginnt, löst das bestimmte Assoziationen aus. Wir denken vielleicht an eine einsame, heisse Landschaft, an Saharastaub und Einsamkeit. Beim Wort „Verwüstung“ haben wir ganz andere Assoziationen. Wir denken vielleicht an verbrannte Wälder, bombardierte Städte, abgebrannte Häuserzeilen. Das Markusevangelium beginnt beim Nullpunkt, unmittelbar nach dem Krieg. Mit Sahara hat das wenig zu tun, aber mit zerstörten Dörfern und vor allem der Zerstörung Jerusalems. Für ExegetInnen ist es zentral, die griechischen Begriffe zu prüfen und zu schauen, wie wurden sie damals verwendet. Eine wichtiger Zeuge ist für uns der Historiker Flavius Josephus. Er verwendete eremos oft, wenn er vom Krieg spricht. Die Heere hinterließen eremos, sie plünderten, brandschatzten und verheerten die Städte.

Wie hat Ihre Beschäftigung mit Trauma/Dämonen Ihre Sicht auf die Bibel/Evangelien und den christlichen Glauben verändert?

Die Erkenntnis, dass die Evangelien aus einer verletzten Welt stammen, holt sie nahe an unsere Zeit heran. Das kann unsere Augen für die Gegenwart öffnen. So viele Menschen leiden an den Folgen von Kriegen und Gewalt. Die Evangelien erzählen, wie Heilung geschehen könnte. Solche Erzählungen erden meinen Glauben.

Welche Impulse ergeben sich aus Ihren exegetischen Arbeiten für eine christliche Friedenstheologie und die christliche Arbeit für Gerechtigkeit und Versöhnung?

Die Evangelien sind voller Impulse, aus denen wir spirituell und ethisch schöpfen können.
Einen wichtigen Impuls gibt mir z. B. die Geschichte der kleinen Tochter in Tyros (Mk 7). Sie litt unsäglich an etwas, das wir Lesenden nicht sehen können. Wir müssen gut zuhören, um in die Begegnung der Mutter und Jesu einzutauchen. Zuhören scheint mir etwas ganz Wichtiges zu sein, eine Grundvoraussetzung für Frieden. In dieser Geschichte hilft Jesus nicht sofort, er erscheint abweisend. Warum? Nachfragen ist ein zweiter Schritt. Ich sag es mal so: ich möchte beide Seiten hören. Und dann erkenne ich, dass es nicht selbstverständlich war für Jesus, nach Tyros zu gehen. Hier hatten Pogrome stattgefunden. Seinen Mut finde ich toll. Aber auch, dass die Mutter um ihr Kind kämpft, Jesus widerspricht und aus Liebe handelt. Das ist der Weg, der zum Frieden führt – sagt sinngemäß diese Geschichte.

Welches Missverständnis über die Bibel würden Sie gerne aus der Welt schaffen?

Dass die Bibel mit unserer Gegenwart nichts zu tun habe, unverständlich oder engstirnig sei, halte ich für ein Missverständnis. Je wacher, kritischer und sorgfältiger ich lese, desto mehr berühren mich ihre Texte.
Vielen Dank für das Gespräch! Ich freue mich darauf, es bei den Theologischen Studientagen fortzusetzen.

Zur Person:

Luzia Sutter Rehmann ist Professorin für Neues Testament an der Universität Basel, hat mehrere Bücher veröffentlicht und für die Bibel in gerechter Sprache das Lukas-Evangelium neu übersetzt. Bei den diesjährigen theologischen Studientagen wird sie uns helfen, biblische Texte aus einer traumasensiblen Perspektive zu lesen.

Mehr von Luzia Sutter-Rehmann:

Neben ihren Büchern, kann man Luzia Sutter-Rehmann auch hören. In ihrem Podcast Feministische Bibelgespräche ordnet sie mit Ulrike Metternich biblische Texte mit feministisch und sozialgeschichtlich geschultem Blick neu ein. Sie hinterfragen tradierte Lesarten und interpretieren die biblischen Geschichten ungewohnt – nämlich politisch und zugleich spirituell. Sie lesen die Bibel als ein Buch der Beziehungen, auf der Suche nach Heilwerden, Gerechtigkeit und Frieden. Und sie verbinden diese Suche mit den Fragen der Gegenwart.

Die neueste Folge beschäftigt sich mit der Begegnung zwischen Jesus und der Mutter, deren Tochter mit einem Dämonen ringt. https://www.eaberlin.de/feministische-bibelgespraeche

=> Mehr Infos zu den Theologische Studientagen der AMG 2024 zum Thema Trauma

Das Interview führte
Benjamin Isaak-Krauß

aus: DIE BRÜCKE 4/2024