Ansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Festakt „Gewagt! 500 Jahre Täuferbewegung 1525-2025“ am 21.09.2025 in der Hamburger Christuskirche.
Wer Ihre schöne Kirche hier mitten in Altona betritt, der spürt schon nach wenigen Augenblicken, ja, eigentlich schon auf dem Weg hierher: Diese Gemeinde lebt mitten in der prallen Großstadt mit all ihren Herausforderungen. Wer hier in der Christusgemeinde dabei ist, der ist automatisch der Welt um sich herum zugewandt. Hier wird die Nachbarschaft eingeladen zum Tischtennis, zum Fitnesskurs oder zum abendlichen Gespräch am Feuer, es gibt einen Seniorentreffpunkt, eine Kita und eine Kinderkirche, an manchen Abenden wird über aktuelle Themen diskutiert, und einen eigenen afghanischen Gemeindezweig gibt es auch. Wen beeindruckt das nicht? Diese Form der Zugewandtheit brauchen wir von so vielen Menschen wie möglich, an so vielen Orten wie möglich, und am besten an jedem Tag!
Und doch bin ich mir ziemlich sicher: Wenn ich gerade auf meinem Weg hierher den einen oder die andere gefragt hätte, ob er oder sie eigentlich einen Täufer kennt, hätte der ein oder andere mich vermutlich ratlos angesehen.
Was hinter diesem Wort steht, das hierzulande ziemlich lange mitunter ausgrenzend, manchmal sogar wie ein Schimpf- oder Spottbegriff verwendet wurde und nun zumeist vergessen ist, welcher Wagemut darin steckt und welche Neugier auf eine neue, gerechtere Form des Zusammenlebens, das wissen viele heute nicht oder jedenfalls nicht mehr.
Und auch deshalb ist es gut, dass Sie sich aufgemacht haben, mit fünf Themenjahren, mit Publikationen und Veranstaltungen und ganz besonders natürlich mit dem Fest heute, das 500. Jubiläum der Täuferbewegung zu feiern und diesen Teil der Reformationsgeschichte bekannter zu machen. Und ich bin deshalb sehr gerne heute hier zu Ihnen gekommen, um mitzufeiern. Herzlichen Dank für die Einladung und herzlichen Glückwunsch zum 500. Geburtstag!
Lassen Sie uns eine kleine gedankliche Reise zum Anfang dieser Bewegung unternehmen, die wir heute feiern, und vor allen Dingen zu der Kraft, welche die Gedanken der Täufer damals entfaltete:
Es war ein kalter Januarabend im Jahr 1525, als sich in Zürich eine kleine Gruppe von Menschen um Conrad Grebel und Felix Manz versammelte. Wir können nur ahnen, wie die Stimmung in jenem Raum in dem schlichten Haus in der Neustadtgasse in der Züricher Altstadt gewesen sein mag, auch wenn es in späteren Quellen durchaus Berichte dazu gibt. Beschrieben wurde die Furcht, welche die Gruppe gespürt haben wird, aber zugleich auch die tiefe Überzeugung, das Richtige zu tun. Die Menschen wussten: Was sie vorhatten, war gewagt. Wer sich gegen die Obrigkeit stellte, riskierte alles – Heimat, Familie, Leben. Und doch vollzogen die Täufer hier die erste Glaubenstaufe ihrer Geschichte.
Heute wird dieser Augenblick oft als Geburtsstunde der Täuferbewegung verstanden. Allerdings war er vermutlich doch eher das sichtbarste Zeichen dieser Entwicklung, die sich zeitgleich an vielen Orten vollzog, und die zwei – wie wir heute sagen würden: ziemlich progressive – Ziele im Sinn hatte: Es war die Überzeugung von individueller religiöser Freiheit und Mündigkeit, für welche die bewusste Erwachsenentaufe stand. Und dieser Wunsch nach Mündigkeit wurde – inmitten einer sich zuspitzenden sozialen Lage – begleitet vom Verlangen nach einer größeren sozialen Gerechtigkeit und allgemeinen individuellen Entscheidungsfreiheit.
Man könnte auch sagen: In jenem Haus in der Züricher Neustadtgasse wurde mit der Handlung der Taufe, ja, auch die Machtfrage aufgeworfen.
Diejenigen, die an jenem Tag zusammenkamen, lebten in derselben Zeit des Umbruchs wie Luther, Calvin und Zwingli. Und doch gingen sie einen anderen, grundsätzlicheren Weg als ihre reformatorischen Zeitgenossen. Sie wünschten sich vollkommene Unabhängigkeit, entwickelten nonkonformistische Ideen weiter. Die Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen reichte für sie, ähnlich wie im Freiheitskampf der Bauern artikuliert, weit in die Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens ihrer Region, ihres Landes hinein. Es ging längst nicht mehr um Zürich oder die Schweiz.
Die Täuferbewegung breitete sich auch im deutschen Raum aus, sehr rasch, in Oberschwaben, dem Allgäu, in Franken, Mitteldeutschland, Westfalen, Niedersachsen. Sie stellte eine grundlegende Frage – die nach dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, von Gewissen und Autorität: Wenn jeder Mensch mündig über seinen Glauben entscheiden soll, warum dann nicht auch über andere Bereiche des Lebens? War nicht jeder in dieser Entscheidung gleich und gleich viel wert? Und musste nicht jeder Mensch ganz frei und selbst entscheiden können, woran er glaubt, wofür er zu streiten bereit ist oder auch: wofür nicht?
Darin lag natürlich eine gewaltige politische Sprengkraft. Wer so fragte, wer diesen „dritten Weg“ in der Reformation des 16. Jahrhunderts ging, der riskierte sein Leben, er wurde zum Verfolgten und musste flüchten oder wurde des Landes verwiesen. Felix Manz starb zwei Jahre nach jener ersten Taufe in der Neustadtgasse den gewaltsamen Tod durch Ertränken in der Limmat in Zürich.
Die täuferischen Gemeinschaften retteten sich oftmals ins Exil, viele auch in den Rückzug. Sie kultivierten dort, wo es möglich war, auf sehr unterschiedliche Weise ein Selbstbild als „kleine Herde“ und praktizierten als Pioniere in eigener Sache Ideale, die heute durchaus zum Fundament einer freien Gesellschaft gehören: die Trennung von Kirche und Staat, gleichberechtigte Abstimmungen, bei denen jede Stimme zählte, sozialen Ausgleich, Konfliktbewältigung ohne Gewalt – auch wenn in diesem Punkt auch schon zu Anfang nicht alle einer Meinung waren.
Heute feiern wir – 500 Jahre später – diese kleine, vielfältige Gemeinschaft, die große Ideen mit in die Welt gebracht hat. Ich komme noch einmal zurück auf den Anfang meiner Rede. Ich habe vorhin schon das eine oder andere Nicken gesehen bei meiner Mutmaßung, dass vielen Menschen das Wort Täufer heute kaum noch etwas sagt. Vermutlich hat der eine oder andere von Ihnen auch schon diese Erfahrung gemacht. Aber dieser Festakt ist eine gute Gelegenheit, um eine ganz klare Antwort auf die Frage nach der Bedeutung dieses Begriffs zu geben: Die „Täufer“ sind eben ein Teil unserer europäischen Freiheitsgeschichte.
Schauen wir also 500 Jahre später noch einmal genau darauf, was wir von diesem Teil unserer Geschichte mit ins Heute nehmen können, was wir von der reformatorischen Konsequenz der Täufer lernen können. Vieles, so meine ich – darunter eine ganze Reihe von Positionen, die heute allesamt Grundlagen unseres friedlichen Zusammenlebens sind: das Beharren auf der Freiheit des Einzelnen, auf der Religionsfreiheit und der Ablehnung von Gewalt.
Aber ich will eingehen auf den Gedanken einer Mündigkeit, die nicht als Privileg verstanden wird, sondern als Verpflichtung. Das war wahrlich wegweisend. Die Täufer verstanden Mündigkeit nie als das, was wir heute mit einer Prise Egoismus als „Selfcare“ bezeichnen. Im Gegenteil, würde ich sogar sagen: Wer mündig glaubt und handelt, der denkt eben nicht nur an sich, der übernimmt immer auch Verantwortung – für sich, für andere und für das gemeine Wohl.
Diese Botschaft ist in einer Zeit beispielloser Vielfalt in unserer Gesellschaft sehr, sehr aktuell. Heute treffen auch in unserem Land verschiedene Religionen, Weltanschauungen und Lebensentwürfe aufeinander. Menschen mit Migrationsgeschichte bringen ihre Art zu leben mit, Städter definieren ihren Alltag und ihr Miteinander ganz anders als ländliche Gemeinschaften. Das Leben, das Ausleben dieser Unterschiedlichkeit gehört doch zu unserem Freiheitsbegriff. Wir wollen diese Vielfalt schützen. Dieser Schutz geht allerdings nur auf, wenn alle Religionen, alle Gruppen zum gesellschaftlichen Frieden beitragen.
Damit wir Unterschiede nicht nur aushalten können, sondern als Bereicherung erleben, damit keiner untergeht in dieser Vielfalt, braucht die Demokratie mündige Bürgerinnen und Bürger, die freiwillig und verbindlich Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen. Wir brauchen Menschen, die sich am Diskurs beteiligen, auch dann, wenn das mal anstrengend ist, und Menschen, die die Gemeinschaft nicht nur als Ort verstehen, an dem sie ihre Forderungen erheben und durchsetzen, sondern auch als Ort, den sie mitgestalten wollen.
So etwas sehe ich zum Beispiel ganz pragmatisch hier in dieser Gemeinde – und ich sage Ihnen dafür meinen wirklich ernst gemeinten, ganz herzlichen Dank.
Ein weiterer Gedanke, der in einer Zeit der erschütterten Weltordnung, in einer Zeit des immer brutaler geführten Angriffskrieges in Europa ziemlich schwer verdaulich ist, ist der der Gewaltlosigkeit. Ich möchte dieser Frage an dieser Stelle auch nicht ausweichen. Sie wissen oder Sie ahnen mindestens, ich teile die Überzeugung, dass die liberalen Demokratien Europas nicht nur politisch unter Druck stehen, sondern auch militärisch bedroht sind. Wenn wir unsere Freiheit und unsere Demokratie bewahren wollen, bedeutet das auch und vor allem, dass wir sie verteidigen können müssen. Das verlangt in diesen Zeiten aus meiner Sicht stärkere Streitkräfte – wohlgemerkt nicht, um Krieg zu führen, sondern um zu vermeiden, ihn führen zu müssen.
Aber ist es deshalb falsch, das Ideal der Gewaltlosigkeit, welches die Täufer verfolgen, aufrechtzuerhalten? Denn es ist ja richtig, in einer Debatte für die eigenen Überzeugungen einzustehen, aber eben friedlich. Vor dieser Haltung habe ich hohen Respekt. In der jüngeren Geschichte finden wir dafür vielleicht ein Beispiel bei den Christen in der DDR. Sie schufen mit sehr viel Mut eine Gegenöffentlichkeit für Debatten und bereiteten so den Boden für die Friedliche Revolution mit.
Diese Form von Zivilcourage ist auch in unserer Gegenwart wichtig, in der die Demokratie stärker, bedrohlich stärker angefochten ist. Wir sind aufgerufen, miteinander zivil und mit Argumenten und Respekt gleichermaßen um die beste Lösung zu ringen. Wir müssen Widerspruch gegen die Verächter der Demokratie einlegen, ohne selbst zu Verächtern des demokratischen Anstands zu werden.
Liebe Vertreterinnen und Vertreter der täuferischen Gemeinschaft, Sie tragen ein kostbares Erbe weiter. Ihre Tradition der Gewaltlosigkeit, der Mündigkeit und der Freiheit ist ein Geschenk für unsere Gesellschaft. Und wie ernst Sie diese Verantwortung nehmen, erlebe ich heute hier in Hamburg-Altona. Wo andere wegschauen, öffnen Sie die Türen. Das ist gelebte Nächstenliebe – aber eben zugleich auch praktische Demokratie. Dafür danke ich Ihnen von Herzen und sage: Unser demokratischer Rechtsstaat braucht Ihre Stimme, Ihre Werte, Ihr Beispiel, Ihre Verbundenheit mit unserem Land und seinen Menschen.
Ihnen, liebe Gemeinden der täuferischen Tradition, gratuliere ich herzlich zu diesem besonderen Jubiläum. Mögen Sie in Ihrem Glauben die Kraft finden, Ihren Weg des Engagements fortzusetzen. Dieses Engagement: Wir als Gesellschaft brauchen es!
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier