Erinnern, um für das Morgen zu lernen

Festrede von Andrea Strübind und Astrid von Schlachta, gehalten in Hamburg, am 21. September 2025

Heute erinnern wir in dieser feierlichen Stunde an 500 Jahre Täuferbewegung. Durch die Jahre des Gedenkens hindurch, die wir in ökumenischer Gemeinschaft initiiert haben, ging es uns nie nur um ein historisch-antiquarisches Interesse an der Geschichte! Erinnern hat mit der Gegenwart zu tun. Erinnern im biblischen Sinne ist nicht in erster Linie Affirmation des Bestehenden, sondern „gefährliche Erinnerung“ (Johann Baptist Metz) an etwas, das sein könnte und sein müsste. Erinnern ist ein Wagnis! Wir wollen das in vier Schritten mit Ihnen gemeinsam wagen …

1.Taufe

Nach dem Gebet stand Georg vom Hause Jakob auf und bat Konrad Grebel um Gottes Willen, dass er ihn taufen möge mit der rechten christlichen Taufe auf seinen Glauben und seine Erkenntnis. Und da er mit solchem Bitten und Begehren niederkniete, taufe Konrad ihn…“ (Hutterische Chronik).

Die Entstehung der Täuferbewegung wird mit der ersten Gläubigentaufe am 21. Januar 1525 in Zürich verbunden. Ein Kreis von Anhängern Zwinglis in der Zürcher Frühreformation war zu der Erkenntnis gelangt, dass die Kindertaufe nicht biblisch sei. Sie setzten zunächst die Taufe von Kindern aus, was sofort obrigkeitliche Repressionen nach sich zog. Denn Kindertaufe war nicht nur ein religiöser Akt, sondern repräsentierte zugleich die verpflichtende, rechtliche Integration in die Bürgergemeinschaft. Wer seine Kinder nicht taufte, galt als Gesetzesbrecher. Die sich in freien Lesekreisen vorwiegend aus Laien und Laiinnen konstituierende Bewegung sollte zerschlagen werden. Angesichts dieser Bedrohung kam es zu ersten Gläubigentaufe und zur Gründung der ersten Täufergemeinde. Taufe, so wie die Täufer es in der Bibel erkannten, war im frühen Christentum nur an mündigen Menschen vollzogen worden, die sich vorher zu ihrem Glauben bekannten. Die Taufe hob den Antwortcharakter des Menschen hervor, der den Glauben empfangen hatte. Diese Nachahmung des biblischen Vorbilds war zentral und führte bei den Baptisten (1641) zur Immersionstaufe durch vollständiges Untertauchen. Ganz wichtig war den Täufern und den späteren täuferischen Kirchen die bewusste Entscheidung derjenigen, die sich taufen lassen wollen, ein Leben in der Nachfolge führen zu wollen. Taufe gab es nicht ohne Konsequenz für den Lebensstil. Diese kongregationalistische Ekklesiologie, die sich in Verbindung mit der Gläubigentaufe zur Grundlage aller täuferischen Kirchen entwickelte, profilierte dabei besonders das geistliche Potential des Einzelnen. Der „persönliche Glaube“, die jeweilige geistliche Biographie, die Begabungen des Einzelnen sollten sich in einer Kirche als spiritueller Lebens- und Dienstgemeinschaft verwirklichen. Ökumenische Dialoge haben in den letzten Jahrzehnten das gemeinsame Verständnis von Taufe in täuferischen und nicht- täuferischen Kirchen entscheidend gefördert. Ein gegenseitiger Lernprozess hat zur Versöhnung und zur Entdeckung der vielfältigen Gemeinsamkeiten in der Tauflehre geführt. Das ist ein Grund zur Freude! Allerdings sind noch weitere Schritte nötig, um zur gegenseitigen Taufanerkennung zu gelangen. Die Täufer mahnen uns:

  • Taufe ist nicht länger das Symbol der Abgrenzung oder der Ausgrenzung, sondern des gemeinsamen Glaubens, der das ganze Leben umfasst.
  • Die Betonung des Einzelnen in seiner Bedeutung für die Kirche, die Mündigkeit und die Entschiedenheit, ein Leben in der Nachfolge zu führen, sind Merkmale einer Kirche, die sich angesichts von Entkirchlichung und gesellschaftlicher Marginalisierung mutig einen Weg zur Reform bahnt.

2. Freiheit und Verantwortung

Denn Gott spricht: Nehmet wahr, alle Menschen sind mein (nicht des Pfalzgrafen).“ (Leonard Dax, 1567)

So der Täufer Leonard Dax in den 1560er Jahren im pfälzischen Alzey im Gefängnis. Freiheit ist für ihn den Moment ein fernes Gut. Gefangen um des Glaubens willen. Seine Reflexionen führen ihn zu ganz grundsätzlichen Überlegungen: Der Mensch ist zunächst Gott verantwortlich, dann dem Fürsten. So klar – so gefährlich!
Denn Politik und Kirche arbeiteten eng zusammen, um konfessionelle Vielfalt gar nicht erst entstehen zu lassen. Wer Freiheit des Gewissens wollte, musste um sein Leben fürchten … oder bereit sein zu flüchten.

Täufer entschieden sich immer wieder aufzubrechen, um der Unfreiheit zu entkommen. Ob es die Einheit von Staat und Kirche oder der wachsende Nationalismus in späteren Zeiten war … Enge, die weitertreibt. Aus der Unfreiheit in die Freiheit – immer wieder eine täuferische Erfahrung. Neu anfangen, sich neuen Herausforderungen stellen – lebendig bleiben. Für die aufnehmenden Gesellschaften waren die Täufer oftmals ein Gewinn: Sie brachten innovative Handwerke und neue landwirtschaftliche Methoden mit. Und sie wussten, wie man sich mit Arbeit integriert.

Als Mennoniten im 19. Jahrhundert aus der Ukraine in die USA auswanderten, nahmen sie Körner des türkischen Rotweizens mit. Eine äußerst widerständige Getreidesorte – flexibel, sich an verschiedene Rahmenbedingungen anpassend; widerstandsfähig bei Unwetter.

„Die Saat, die die Zukunft in sich trug“, heißt es über diesen türkischen Rotweizen. Das Alte in der neuen Umgebung neue Frucht bringen lassen.

Die Täufer mahnen uns, Freiheit nicht aufs Spiel zu setzen: die Freiheit des Denkens, die Freiheit der Rede, die Freiheit des Glaubens, die Freiheit der Wissenschaft. Anderen Freiheit zuzugestehen bedeutet: zuhören, andere Meinungen respektieren. Blicken wir auf unsere Gesellschaft, so scheint dies momentan nicht zu unseren Stärken zu gehören. Unsere Debattenkultur neigt zu polarisierend hochgepuschten Diskursen – hasserfüllt, voller Häme und Schadenfreude.

Ausgrenzung und Moralisierung scheinen an der Tagesordnung zu sein. Feindbilder haben Hochkonjunktur. „Andere“ Meinungen werden sehr rasch aus dem Diskurs ausgegrenzt, um die eigene Meinung moralisierend über alles andere und alle Anderen zu stellen: Schublade auf! Verunglimpfung, Vorverurteilung, mundtot machen – respektlos, schamlos.

Die Freiheit Anderer zu respektieren heißt, Alternativen denken und leben. In einer Demokratie – und in christlichen Gemeinden – kann es nie nur eine Meinung geben. Nichts ist „alternativlos“.

Die Täufer mahnen uns auch, Herausforderungen anzunehmen und bereit zu sein, Wandel und Veränderung zuzulassen. Erneuerung wagen, um lebendig zu bleiben – in den christlichen Gemeinden und in der Gesellschaft.

3. Nonkonformismus

„Die Hoffnung auf eine sichere und lebenswerte Welt ruht auf disziplinierten Nonkonformisten, die für Gerechtigkeit, Frieden und Brüderlichkeit eintreten. […] Wenn es um den Fortschritt der Menschheit geht, muss man den Nonkonformisten vertrauen.“

Diese positive Bedeutung des Nonkonformismus hat Martin Luther King, Bürgerrechtler und Baptistenpastor, in einer Predigt über Röm 12,2 herausgestellt. Im Gedenken an „500 Jahre Täuferbewegung“ lässt sich wunderbar an diese positive Deutung des Nonkonformismus anknüpfen. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Täufer und Täuferinnen als „Schwärmer“, Ketzer oder als Außenseiter verurteilt, verfolgt und dann auch mehr oder weniger an den Rand gedrängt und vergessen. Bedeutende Gruppierungen der Täufer in der frühen Neuzeit stellten sich gegen den gesellschaftlichen Konsens, als sie sich zum Beispiel weigerten, in Bindung an die Worte der Bergpredigt den Bürgereid zu leisten und das Schwert zu tragen. Diese Konfliktgeschichte können wir gerade heute im Gedenken nicht ausblenden. Aber birgt der Nonkonformismus von Minderheiten nicht auch ein hohes Potential für gesellschaftliche Veränderung? Nonkonformisten sind nicht bloß „Außenseiter“, die gegen den Commonsense, die Mehrheitsmeinung, die Mehrheitskultur stehen. Sie bieten vielmehr: ein Reservoir an alternativen Denkweisen, Handlungsoptionen und Lebensformen. Die Täufer und Täuferinnen, die einen konsequenten Lebensstil nach biblischen Maßstäben wagten, forderten die Mehrheitsgesellschaft heraus. Sicher gilt in der Politik, dass man Mehrheiten suchen muss. Aber Minderheiten, auch gerade religiöse Minderheiten, haben ein innovatives Potential für gesellschaftliche Transformationen. So zeigt es die von der Black Church des Südens getragene, erfolgreiche Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus und Segregation. Aber auch die Geschichte der Kolonie Rhode Island, die von baptistischen Glaubensmi-granten und -migrantinnen gegründet wurde, und in der 1638 zum ersten Mal Glaubens- und Gewissensfreiheit als Grundrecht deklariert und Demokratie gelebt wurde – weit vor der französischen Revolution. Diesen religiösen Nonkonformisten gelang es zusammen mit den humanistischen Eliten, das Grundrecht auf Religionsfreiheit in die Verfassungen der US-Amerikanischen Bundesstaaten und schließlich in die Bundesverfassung zu bringen.

Ein weiterer wichtiger Impuls ging von religiösen Nonkonformisten zur Abschaffung der Sklaverei aus. Neue Protestformate wurden entwickelt, unter denen vor allem die Zucker-Boykottkampagne populär wurde. Es ist möglich, dass entschiedene, von ihrem Glauben motivierte Minderheiten, großen Einfluss auf die Veränderung der Gesellschaft gewinnen können.

Die Täufer mahnen uns: Nonkonformismus darf nicht zur Abgrenzung, zu Feindbildern, ja auch zur religiös begründeten gesellschaftlichen Isolation führen. Viel zu lange haben sich gerade täuferischer Minderheitskirchen / Freikirchen in Deutschland aus der Politik und dem gesellschaftlichen Engagement herausgehalten. Das nonkonformistische Erbe wurde vergessen in frommen Wohlfühlgemeinden, die vor allem der eigenen spirituellen Erbauung dienten.

Das Christentum in Deutschland ist plural! Es besteht nicht nur aus den beiden Mehrheitskirchen. Freikirchen, Orthodoxe, Migrantenkirchen und viele neue Initiativgemeinden gehören dazu – bezeugen Christus auf ihre Weise. Nicht die Zahl entscheidet über die Qualität, sondern die Treue zum Evangelium.

4. Friedenstüchtigkeit und Dialog

„Dauerhafter Frieden ist deshalb nie durch Krieg erreichbar, weil jede Kriegspartei stets versuchen wird, stärker als der Gegner zu werden.“ So der mennonitische Älteste Peter Froese in einer Schrift aus dem Jahr 1850.

Eine täuferische Überzeugung seit dem 16. Jahrhundert. Der Mensch ist auf Frieden angelegt. Unter Berufung auf das Neue Testament waren die Täufer davon überzeugt: Ein Christ greift nicht zu den Waffen. Diese Überzeugung war nonkonform und lebensgefährlich. Noch bis ins 20. Jahrhundert gehörte es in vielen Ländern nicht zum Recht der Staatsbürger, unter Verweis auf das eigene Gewissen den Wehrdienst zu verweigern. Es ist ein Verdienst der historischen Friedenskirchen – der Mennoniten, der Quäker und der Church of the Brethren – hier entscheidende politische Schritte erreicht zu haben.

Ein Christ greift nicht zur Waffe! Auf den Alltag übertragen beschreibt dieser Satz bis heute stets den mühsamen Weg. Es ist ein Weg, der nicht dem Mainstream entspricht, der die Eskalation von Auseinandersetzungen aus christlicher Überzeugung und aus Vernunft von vornherein vermeidet – nonkonform, nicht opportun. Sicher, Konfrontationen lassen sich manchmal nicht vermeiden. Doch wie gehen wir damit um? Bleiben wir im Gespräch? Und versuchen, die Eskalation zu unterbinden? Die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Friedenstüchtigkeit einzuüben.

Wie mühsam dieser Weg gegen den Mainstream war und ist, zeigt sich daran, dass auch Mitglieder täuferischer Gemeinden immer wieder damit gerungen … und sich dann auch für den Kriegsdienst entschieden haben. Brüche in der konfessionellen Identität werden sichtbar – auch sie lassen sich nicht vermeiden! Das machen 500 Jahre Geschichte deutlich.

Sie scheint schwer zu fallen … die Friedenstüchtigkeit. Sie ist eine dauerhafte Aufgabe, muss immer wieder ausgerufen, durchbuchstabiert, bewusst gemacht werden. Sie muss eingeübt werden – immer wieder. Sie ist eine Gewissensentscheidung, eine persönliche Überzeugung, eine Herzensangelegenheit. Aufoktroyiert werden kann sie nicht.

Die Täufer mahnen uns: Der Ruf nach Friedenstüchtigkeit ist unverzichtbar im öffentlichen Diskurs. Er darf nicht verschwinden und ausgeschlossen werden. Er darf nicht als „naiv“ und „unrealistisch“ diffamiert und als „utopisch“ stigmatisiert werden. Da haben wir sie wieder, die Mechanismen, die ausgrenzen und mundtot machen wollen. Auch wenn der Ruf nach Friedenstüchtigkeit nur die ruhige Mahnung zur Besonnenheit oder die leise Stimme im öffentlichen, allgegenwärtigen Kriegsgeheul ist, die leise Stimme ist stets die wichtige und nötige Stimme. Die Stimme, die gegen den Mainstream ging und geht: Sie ist unverzichtbar für eine Gesellschaft.
Die täuferische Geschichte rüttelt uns wach: Gewalt beginnt viel früher als mit der tätlichen Attacke. Sie beginnt bereits dort, wo andere beschimpft, diffamiert und stigmatisiert … und damit in ihrem Menschsein entwertet werden. Fangen wir bereits dort an, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.

Die Täufer nahmen die Kirche in die eigene Hand. Mit großem Selbstbewusstsein bildeten Laien – Männer und Frauen als Schwestern und Brüder – zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kontexten eigenständige Gemeinden, in denen sie gemeinsam die Bibel lasen, das Abendmahl miteinander feierten und die Gläubigentaufe praktizierten.

Damit stellten sie das traditionelle Kirchwesen in Frage, ja letztlich auf den Kopf oder wie sie es verstanden: auf die Füße. Sie wurden zur Inspiration für nonkonformistische und friedensorientierte Bewegungen – bis heute. An diese schöpferische und Veränderung bringende Minderheit sei heute erinnert, um für das Morgen zu lernen.

Andrea Strübind
und Astrid von Schlachta