Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland

Vom Zwist zur Zuneigung

Konflikt und Kommunikation bei Jakob und Esau

Sehr viele Familien kennen das Phänomen gut: Familienstreit. Sei es bei den großen Festen an Weihnachten, Ostern oder auch im gewöhnlichen Alltag. Mal geht es um verletzende Kommentare, mal um verurteilende Blicke, und manchmal um finanzielle Angelegenheiten. Die Gründe und Intensität von Konflikten mögen variieren, aber eines bleibt konstant: die Herausforderung, sie innerhalb der Familie konstruktiv zu lösen.

Wie aber ist Versöhnung in einem Familienkonflikt möglich?

Diese Frage durchdringt die Geschichte von Jakob und Esau (Gen 27-33). Sie bietet uns Einblicke in die Dynamik familiärer Konflikte, aber auch Hoffnung auf eine mögliche Heilung zerbrochener Beziehungen. Vom Zwist zur Zuneigung – so könnte man die Geschichte umschreiben. Was aber war der Konflikt zwischen den beiden Brüdern?

Der Konflikt

Der Konflikt wird uns ähnlich wie die spätere Versöhnung als eine Entwicklung geschildert. Er spiegelt sich zwischen den Brüdern in einem komplexen Prozess wider, der durch Betrug, Täuschung und sogar Mordabsichten geprägt ist.

In Genesis 27 will Isaak seinen ältesten Sohn Esau segnen, da er aufgrund des fortgeschrittenen Alters bald sterben wird. Seine Frau Rebekka hört dies und fordert ihren jüngeren Sohn Jakob auf, sich den Erstgeburtssegen zu erschleichen. Zuerst ist die treibende Kraft hinter der List Rebekka. Sie hat die Absicht, Esau um seinen Segen zu betrügen.

Über die Zeit lässt sich Jakob aber mehr und mehr in den Betrug hineinziehen. Spätestens ab dem Zeitpunkt, als sich Jakob als Esau ausgibt und den Segen holt, ist er als selbstständiger Akteur verantwortlich für seine Tat.

Jakob wird von der Sünde eingenommen. Als Esau davon mitbekommt, schreit er laut und klagt bitter. Er ist seiner Zukunft beraubt worden. Der Segen lässt sich nicht zurücknehmen. Esau möchte ihn deshalb umbringen. Jakob muss fliehen.

Der Konflikt scheint somit in mindestens vier Schritten zu eskalieren: Zunächst die Betrugsabsicht von Rebekka (1.), gefolgt von Jakobs Einwilligung in den Betrug (2.), dann die Durchführung des Betrugs (3.) und schließlich Esaus Tötungsabsicht. (4.)

Die Versöhnung

Es verstreichen fast 25 Jahre, in denen Jakob und Esau keinen Kontakt mehr haben. Weit weg von seiner ursprünglichen Heimat lebte Jakob am Hof von Laban (einem Bruder Abrahams). Dort heiratete er Lea und Rahel und gelangte nach längerer Zeit zum Wohlstand. In dieser Zeit spricht Gott zu ihm: „Nun mach dich auf, zieh weg aus diesem Land und kehr in das Land deiner Verwandtschaft zurück“ (Gen 31,13.)
Jakob bricht deshalb auf, um sich mit Esau zu versöhnen. Welche Strategien sind in Genesis 32-33 aber erkennbar, wie der Versöhnungsprozess in Gang gesetzt wird?

  1. Räumliche und zeitliche Distanz als wichtiger Schlüssel
    Zwischen dem Konflikt und der Versöhnung der beiden Brüder liegen mehr als zwei Jahrzehnte (Gen 28-31). Der mennonitische Friedensforscher John Paul Lederach spricht aus Erfahrung, wenn er schreibt: „Wir sollten nicht außer Acht lassen, dass eine Abwendung, eine Suche nach räumlicher Distanz, in dem Prozess der Versöhnung eine wichtige Rolle spielt.“ Menschen können nicht in Versöhnungsprozesse gedrängt werden – wo dies geschieht, kann es schnell zu einem geistlichen Machtmissbrauch kommen. Versöhnung braucht Zeit! Diese Distanz ermöglicht es, Emotionen zu verarbeiten und neue Perspektiven zu gewinnen.
  2. Verzicht auf Gewalt und Naivität
    Jakob verzichtet auf einen gewaltvollen Widerstand, aber auch auf eine naive Vorgehensweise. Als er mitbekommt, dass Esau ihm mit 400 Männern entgegenzieht, sieht er ein, dass es keinen Sinn hat, Gewalt mit Gewalt zu lösen. Er verzichtet darauf, die Situation noch weiter eskalieren zu lassen und sammelt sich keine Privatarmee zusammen.
    Gleichzeitig schaltet er seinen Kopf nicht aus und geht nicht leichtgläubig an den Konflikt heran. Er ist bereit, sich verletzlich zu machen. Trotzdem denkt er über eine potenzielle Schadensbegrenzung nach. Deshalb teilt er seine Leute und seinen Besitz in zwei Lager auf. Falls Esau gewalttätig wird, trifft der Schaden nur ein Lager.
  3. Gebet als Weg zum Frieden
    Jakob betet. Für ihn scheint Gebet ein wichtiger Schritt aus der Gewalt heraus zu sein. Er legt sein Schicksal in Gottes Hand. „Aus dem Gebet erwächst Kraft zu einem neuen Friedenshandeln“, schreibt Günter Scholz über Jakobs Worte.
  4. Entfeindungsschritte
    Jakob initiiert mehrere Entfeindungsschritte vor dem eigentlichen Versöhnungsakt. Er ist sich bewusst, dass Versöhnung nicht mit einem „Handschlag“ oder einer „Umarmung“ erledigt ist. Es braucht Zeit und verschiedene Schritte, um zu einer Versöhnung zu gelangen. Die Entfeindung fördert er, indem er in mehreren Zügen „Geschenke“ überbringt und drückt durch die Formulierung „Deinem Diener Jakob“ (Gen 32,19) seine Schuld aus.
  5. Schuldeingeständnis
    Jakob gesteht seine Schuld ein und macht sich verletzlich. Indem er sich siebenmal zur Erde niederwirft, geht er aufs Ganze. Im Moment der Begegnung könnten Esau und seine 400 Männer sich problemlos an ihm rächen. Aber es kommt anders. Esau nimmt die Bitte um Vergebung an. Er läuft ihm entgegen, umarmt ihn, fällt ihm um den Hals und küsst ihn.
    Man könnte denken, dass nun der Versöhnungsprozess abgeschlossen ist. Die Erzählung geht aber noch weiter.
  6. Wiederherstellung
    Jakob erstattet Esau seine Segensgaben zurück. Für ihn ist es wichtig, dass der Segen für Esau wiederhergestellt wird. Deshalb besteht Jakob darauf, eine Ersatzleistung zu erbringen. Erst mit der Wiederherstellung der Leistung ist für Jakob seine Schuld wieder aufgehoben.
  7. Trennung in versöhnter Verschiedenheit
    Esau möchte mit Jakob in eine gemeinsame Zukunft aufbrechen, aber Jakob bezweifelt, dass dies der richtige Weg ist. Er entscheidet sich dafür, in eine andere Richtung weiterzuziehen. Manchmal kann Versöhnung zunichte gemacht werden, wenn der andere oder man selbst nicht genügend Freiraum hat. Jakob schafft eine nötige Balance zwischen Nähe und Distanz, um in eine versöhnte Zukunft aufzubrechen.

Wie fühlst du dich beim Lesen dieser Geschichte? Spürst du die Komplexität von Konflikten und Versöhnung? Welche Erkenntnisse gewinnst du aus dieser Story? Wenn wir uns gegenüberstünden, würde ich dir gerne diese Fragen stellen. Für mich persönlich zeigt die Geschichte: Konflikte und Versöhnungen bestehen selten aus einer einzelnen Situation. Sie bahnen sich langsam an und entwickeln sich im Laufe der Zeit. Ein Gedanke ist mir beim Studieren von Jakob und Esau besonders hängen geblieben: Versöhnung benötigt Zeit, Distanz und strategischen Gestaltungswillen, um eine Beziehung wiederherzustellen.

Simon Wiebe
Autor von „Preach. Dein Workbook fürs Predigen“ und
verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit am Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte
aus: DIE BRÜCKE 3/2024