Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland

Heidi, Grace und Bruno in der Wohnung von Grace in Seoul

Wir brauchen eure Geschichten, Gedanken und Impulse

Im Mai und Juni 2023 reisten Heidi und Bruno Sägesser bereits zum vierten Mal nach Südkorea. Die beiden sind Mitglieder der Evangelischen Mennoniten Gemeinde Schänzli in Muttenz und engagieren sich seit 17 Jahren für Christ:innen im Süden der koreanischen Halbinsel. Ihr Ansatz: Zuhören, Geschichten teilen und vor allem Beziehungen leben.

Heidi und Bruno Sägesser, ihr wart im Frühsommer für acht Wochen in Südkorea – bereits zum vierten Mal. Was habt ihr da gemacht?

Heidi: Wir haben auf einer Reise durch das ganze Land rund 400 Personen getroffen und insgesamt über 60 meist sehr tiefe Gespräche geführt über das Leben und den Glauben.

Bruno: Die meisten dieser Personen sind Christ:innen. Etliche gehören zur mennonitischen Kirche, viele zur presbyterianischen. Unsere Begegnungen mit ihnen sehen wir als Ermutigungsbesuche.

Was versteht ihr genau darunter?

Bruno: Das heisst, wir schenken den Menschen unsere Zeit und unser Interesse und nehmen an ihrem Leben Anteil.

Heidi: Die Menschen in Südkorea können ihr Land nur mit dem Flugzeug oder mit dem Schiff verlassen. Viele waren noch nie in einem anderen Land. Das gibt eine eingeschränkte Sicht, eine Enge. Wir spüren daher immer wieder Dankbarkeit, dass wir die Menschen an ihren Lebensorten besuchen.

Warum brauchen speziell die Christ:innen in Südkorea Ermutigung?

Bruno: Christ:innen sind in Südkorea eine Minderheit und unter ihnen ist die presbyterianische Kirche prägend. Sie ist sehr konservativ, bietet emotionsbetonte Gottesdienste und stellt das Wohlstandsevangelium ins Zentrum. Dieses besagt: Wenn du gut und viel arbeitest, verdienst du viel und wenn du viel Geld hast, ist es ein Zeichen, dass dich Gott liebt und segnet. Wie uns gesagt wurde, haben die vermittelten Inhalte oft wenig mit dem tatsächlichen Leben der Menschen zu tun.

Heidi: Die Christ:innen, die wir treffen, sind unglücklich über diese Art von Kirche und Glauben. Sie möchten ausbrechen und suchen einen neuen Weg, Kirche zu gestalten und den Glauben zu leben.

Wie kam die jüngste Reise konkret zustande?

Bruno: Unser Engagement für Südkorea dauert nun schon 17 Jahre. In dieser Zeit sind zahlreiche Beziehungen entstanden. Zum Beispiel zu «Grace» Eun Young Baek, die unterdessen nicht nur unsere Reisen organisiert, uns dabei begleitet und für uns dolmetscht, sondern auch eine gute Freundin geworden ist. Mit ihr tauschen wir uns fast jeden Monat per Skype aus.  Vor jeder unserer Reisen – auch vor der jüngsten – leitete sie uns viele Einladungen weiter, alle mit der Bitte: «Kommt wieder nach Südkorea, wir brauchen eure Geschichten, Gespräche, Gedanken und Impulse.»

Heidi, Grace und Bruno in der Wohnung von Grace in Seoul
Heidi, Grace und Bruno in der Wohnung von Grace in Seoul

Das heisst, ihr macht im Prinzip Missionsarbeit und die Menschen, die eure Unterstützung brauchen, laden euch ein?

Bruno: Uns liegt das Missionsverständnis nahe, wie es Heike Geist kürzlich in einem Interview mit menno.ch formuliert hat: Für uns geht es beim Thema Mission um gelebte Beziehungen und nicht primär darum, von einem Podest aus Jesus zu verkünden.

Heidi: Deshalb achten wir darauf, dass die Begegnungen auf unseren Reisen möglichst in kleinen Gruppen stattfinden. Wir halten nicht gerne Vorträge. Lieber reden wir mit den Leuten direkt und insbesondere über die Fragen, die sie beschäftigen. Wenn wir in Südkorea Menschen treffen, beginnen wir meist mit einem gemeinsamen Essen, und beim Kaffee geht es dann los, das heisst in die Tiefe, zu den effektiven Fragen.

Was beschäftigt die Menschen, denen ihr begegnet seid, nebst der Kirche, mit der sie nicht zufrieden sind?

Heidi: Es gibt verschiedene Bereiche, wo sie immer wieder an Grenzen stossen: Beispielsweise werden sie sehr stark vom Bildungssystem bestimmt. Für die Menschen in Südkorea scheint es existenziell, dass sie sehr viel Zeit und Geld in Bildung investieren. Das Schulsystem ist stark auf Leistung ausgerichtet und drängt viele scheiternde Jugendliche sogar in den Selbstmord. Dann ist das Mietsystem eine grosse Belastung: Es zwingt viele Menschen, alle zwei, bis drei Jahre ihre Wohnung zu wechseln. Und die Mietkaution ist oft so hoch, dass sie dafür einen teuren Kredit aufnehmen müssen.

Bruno: Auch die Überalterung der Gesellschaft wurde genannt – pro Frau werden aktuell 0,8 Kinder geboren. Diese wird zunehmend zum Problem. Der Kriegsdienst, respektive Zivildienst war auch ein Thema. Einen sogenannten Zivildienst gibt es zwar in Südkorea, aber er ist eigentlich eine Strafe. Für viele Kirchen ist der Militärdienst nach wie vor der richtige Weg, weil sie grundsätzlich die Ansichten des Staates teilen.

Abwasch bei den jungen Erwachsenen auf dem Yeongwol-Bruderhof
Abwasch bei den jungen Erwachsenen auf dem Yeongwol-Bruderhof

Kamt ihr auch auf die geopolitische Lage zu sprechen?

Heidi: Wir waren auf unseren Reisen auch schon in Nordkorea und haben dann in Südkorea davon berichtet. Wir konnten erzählen, dass da Menschen sind wie sie und wir, die einfach auf der anderen Seite der Grenze geboren wurden. Als wir dann bei einer Gelegenheit auch noch von einer Frau erzählen konnten, die einen Funken christlichen Glauben hat, wurde freudig für die Wiedervereinigung gebetet.

Bruno: Einmal bat uns ein presbyterianischer Pastor, unsere Mennoniten-Gemeinde in der Schweiz zu fragen, ob auch sie für eine Wiedervereinigung von Süd- und Nordkorea beten würde – nach südkoreanisch kapitalistischem System. Mir stockte der Atem. Das klang stark nach Annexion und ich fragte ihn, ob es nicht sinnvoll wäre, eine Wiedervereinigung einvernehmlich und schrittweise zu gestalten. Dies hat bei ihm etwas ausgelöst und er sagte, das habe er noch nie gedacht. Wir sind weiterhin mit ihm im Kontakt.

Das heisst, ihr hört nicht nur zu, sondern bringt euch auch ein?

Bruno: Das gehört für uns auch dazu, aber wir tun es sehr vorsichtig. Wir wollen nicht mit kolonialen Gedanken kommen und den Südkoreaner:innen sagen, wie «es» geht. Uns ist wichtig, mit den Menschen zu leben, ihre Überlegungen anzuhören und eigene Impulse möglichst nur einzubringen, wenn wir danach gefragt werden.

Heidi: In unseren Gesprächen erlebten wir immer wieder, dass irgendwann Fragen gestellt wurden, auch sehr tiefe. In solchen Momenten teilten wir unsere Meinung und berichteten über unsere Erfahrungen. Dabei betonten wir aber jeweils, dass die Südkoreaner:innen uns nicht einfach kopieren sollten. Schliesslich ist unsere Kultur hier in der Schweiz anders als jene in Südkorea. Da ist es wichtig, dass unser Verhalten zwar vielleicht eine Inspiration ist, dass es aber passend zur Kultur in Südkorea adaptiert wird.

War es immer einfach, vor allem zuzuhören?

Bruno: Für mich nicht. Gerade in der Begegnung mit Menschen aus den presbyterianischen Kirchen gab es immer wieder Momente, in denen wir feststellten, dass wir Dinge ziemlich anders sehen. In solchen Momenten war es herausfordernd, auf Augenhöhe zu bleiben und die eigene Meinung nur auf Nachfrage einzubringen. Das war und ist für mich auch ein permanentes Arbeiten an mir selbst.

Wie kam es ursprünglich zu eurem Engagement?

Heidi: Alles begann vor über 17 Jahren mit Grace. Sie wurde mit 15 Jahren von einem Zug überfahren und verlor dabei den linken Arm ganz und vom rechten die Hälfte. Ab 1999 verbrachte sie zwei Jahre in Deutschland bei der «Christlichen Gemeinde in See e.V.», einer Glaubens- und Lebensgemeinschaft, die ihr gute Prothesen finanziert hat. In dieser Zeit entdeckte sie, dass Kirche anders sein kann, als sie es bis dahin in Südkorea erlebt hatte – weniger bombastisch, näher am Alltag. Das hat sie fasziniert.

Bruno: Deshalb kam sie auf die Idee, mit Gruppen von jeweils zirka zehn interessierten Menschen nach Europa zu reisen, damit diese von Christ:innen hier lernen können. Auf der Suche nach einer Unterkunft ist sie dann über das friedenskirchliche Netzwerk «Church and Peace» bei uns gelandet. Und das war der Anfang.

Das heisst, ihr habt diese Gruppe bei euch beherbergt?

Bruno: Ja. In der Hochzeitsvorbereitung 1975 wurde uns gesagt, dass Gastfreundschaft eine christliche Tugend sei und wir doch immer ein Gästebett bereit haben sollten. Das hatten wir auch – und auch den nötigen Platz, um die ganze Gruppe aufzunehmen. Trotzdem nahmen wir uns noch 24 Stunden Bedenkzeit, sagten dann aber zu. Ein Entscheid, der unser Leben verändert und bereichert hat.

Heidi: Und ich möchte nicht missen, was daraus entstanden ist. Bis heute haben uns über 120 Menschen aus Südkorea besucht und wir sind auf unseren Reisen nach Südkorea hunderten von Menschen begegnet. Rückblickend sehe ich es auch als Privileg an, dass wir diese Gastfreundschaft überhaupt bieten konnten: Weil wir eine grosse Familie haben, hatten wir den Platz, genügend grosse Kochtöpfe, Stühle, Betten und so weiter. Das haben nicht alle.

Essen bei Sue und John. John ist ein Theologieprofessor, der ausgestiegen ist und in Nonsan eine Pfirsichfarm betreibt.
Essen bei Sue und John. John ist ein Theologieprofessor, der ausgestiegen ist und in Nonsan eine Pfirsichfarm betreibt.

Was denkt ihr, warum kamen die Gruppen immer wieder ausgerechnet zu euch?

Heidi: Das wussten wir zuerst auch nicht so recht. Von Beginn weg spielten bei den Besuchen die Tischgemeinschaft und der Austausch eine wichtige Rolle. Die Themen waren vielfältig: Grossfamilie, Ehe, Umgang mit behinderten Mitmenschen und mehr. Ganz besonders fasziniert hat die Südkoreaner:innen aber unsere täuferische Theologie, welche die Ethik betont und praxisnah ist. Wir waren mit den meisten Gruppen auch auf «Täufertour» im Emmental, im Jura und wir besuchten auch die Gottesdienste im Schänzli. Gemerkt haben wir das aber erst nach dem zweiten oder dritten Besuch.

Bruno: In den Gesprächen mit Menschen aus Südkorea landen wir auch oft beim alltäglichen Leben. Wir erzählen dann konkret aus unserem Leben und wie wir dieses, ausgehend von unserem täuferisch geprägten Glauben, gestalten. Und wir sagen auch ehrlich, wo wir manchmal Mühe haben und was uns schwerfällt.

Heidi: Ja und dann wurden wir nach Südkorea eingeladen, damit wir auch mit Menschen ins Gespräch kommen konnten, die ihr Land nicht verlassen können. 2008 war unsere erste, damals vierwöchige Reise.

War euch euer Engagement auch manchmal zu viel?

Bruno: Die erste Reise nach Südkorea war manchmal recht anstrengend. Wir haben eine neue Kultur kennengelernt und wollten auch noch Ferien machen. Aber wir hatten einen Gastgeber, der uns sehr spontan zu immer mehr Leuten führte. Er versuchte das auch an den Tagen, die wir eigentlich freihalten wollten. Da waren wir nach zwei Wochen erschöpft. Für die nächsten Reisen haben wir dann klare Vorgaben aufgestellt, z.B. dass es immer einen freien Tag gibt pro Woche und wir höchsten zwei Begegnungen pro Tag wollen. Das hat recht gut funktioniert.

Heidi: Die vielen Türen, die in Südkorea immer wieder aufgegangen sind, sobald wir dort landeten. Und natürlich die Reaktionen, die unsere Begegnungen auslösten. Da hörten wir immer wieder, dass schon nur die Frage «Wie geht es dir?» als sehr ermutigend empfunden wurde. Dass eine so kleine Geste bei den Menschen bereits etwas Positives auslöst, erstaunt und berührt mich bis heute immer wieder neu. Besonders auf unserer letzten Reise hatte ich den Eindruck, dass die Leute wirklich auch Ermutigung brauchen. So viel, dass wir das nicht allein abdecken können. Da wünsche ich mir schon, dass unsere Arbeit in der mennonitischen Welt mehr Resonanz findet, damit wir sie auf mehrere Schultern verteilen können.

Bruno: Aus unserer Sicht sollten die südkoreanischen Mennoniten, sowie die Christen aus anderen Denominationen, die unglücklich sind über die konservativen Kirchen, jährlich von Personen besucht werden. Die Türen in Südkorea sind weit offen und Grace wäre bereit alles zu organisieren.

Plant ihr selbst weitere Reisen?

Heidi: Wir blicken dankbar auf die letzten 17 Jahre zurück und was entstanden ist, seit dem ersten Besuch von Grace mit ihrer Gruppe 2006. Für uns ist es wie die wunderbare Brotvermehrung. Aber wir werden nicht jünger. Die Frage ist, ob eine weitere Reise gesundheitlich noch drin liegt. Nicht nur die Reise selbst, sondern auch die Vorbereitungen brauchen Zeit und Kraft.

Bruno: Und eine Reise soll auch zu unserem Familienleben passen. Wir haben mittlerweile 15 Grosskinder, für die wir auch da sein wollen. Wir lassen es daher offen, ob wir nochmals gehen oder nicht. Falls ja, wäre es schön, wenn uns ein oder zwei interessierte Personen aus den Mennonitengemeinden der Schweiz begleiten würden.

Interview: Simon Rindlisbacher
Aus: Die Brücke 6/2023